
Höhere Produktivität für mehr Freizeit
Können wir die Arbeit, die wir an fünf Tagen erledigen, in vier Tagen schaffen? Erste Pilotversuche zur Vier-Tage-Woche zeigen, dass das möglich ist.

Frithjof Bergmann begründete in den Siebzigerjahren die New-Work-Bewegung. Weshalb ist sie heute so populär? Kann sie Arbeit besser?
Der Sozialphilosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann begründete Mitte der Siebzigerjahre die New-Work-Bewegung. Sein Motto: „Wir sollen nicht der Arbeit dienen, sondern die Arbeit soll uns dienen.“ 1930 in Sachsen-Anhalt geboren, während der NS-Zeit nach Österreich und nach dem Abitur in die USA emigriert, hielt er sich zunächst mit verschiedenen Jobs über Wasser und entwickelte aus dieser Erfahrung heraus eine kapitalismus- und vor allem lohnarbeitskritische Haltung: „Arbeit in ihrer heutigen Form demütigt den Menschen in erheblichem Maß. Mit dem Lohnarbeitssystem wird ein absurder Zustand am Leben erhalten, der den Menschen kleinmacht. Die Neue Arbeit ist eine Alternative zum Lohnarbeitssystem.“[1] Sein Gegenmodell: Arbeiten, um sich selbst zu verwirklichen.
Heute hat sich das Konzept von New Work von seinem gesellschaftskritischen Ursprung gelöst und setzt sich in der Wirtschaft immer mehr durch. Dabei werden die Begriffe Neue Arbeit, New Work, Arbeit der Zukunft und Arbeit 4.0 weitestgehend synonym verwendet. Im Kern zielt das Konzept darauf ab, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Freiheit und Autonomie fördern. So gut, so allgemein und so abstrakt. Daher „finden sich unter dem Schlagwort New Work vielerlei Methoden, Maßnahmen und Meinungen“[2]. Die „New Work Charta“[3] des Psychologen Markus Väth, eine Weiterentwicklung und Anpassung des „klassischen“ New-Work-Begriffs an die moderne Arbeitswelt, nennt fünf Prinzipien, die das Neue Arbeiten ausmachen:
Für Arbeit, die dem Menschen gerecht wird, formuliert die New Work Charta fünf Prinzipien:
New Work gibt die Richtung an, in die sich Unternehmen bewegen, um ihre Zukunftsfähigkeit zu erhöhen. New Work lässt sich also nicht nach einem Standardrezept einführen. Vielmehr haben Sie die Wahl: Sie können an vielen Stellschrauben drehen, und es bieten sich Ihnen viele Möglichkeiten, um anzufangen oder als Arbeitgeber noch besser zu werden:
Work-Life-Blending heißt zunächst einmal, dass sich Arbeitszeit und Freizeit vermischen, sie also nicht mehr klar voneinander zu trennen sind. Das sollte nicht unreguliert geschehen, da Arbeitgeber dann ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen. Erholte und ausgeruhte Mitarbeitende sind produktiver sowie kreativer. Außerdem schreibt das Arbeitsschutzgesetz Ruhezeiten vor. Work-Life-Blending ist eng mit flexiblen Arbeitszeitmodellen wie beispielsweise Vertrauensarbeitszeit verbunden. Zu einer Win-win-Situation kann es nur kommen, wenn Sie als Arbeitgeber Flexibilität bieten, ohne einer Always-on-Mentalität Vorschub zu leisten. Beantworten Mitarbeitende abends E-Mails oder bereiten die Präsentation für den kurzfristig angesetzten Kundentermin auch schon mal am Wochenende vor, können sie selbstverständlich auch private Angelegenheiten während der Arbeitszeit erledigen. Letztlich zielt Work-Life-Blending darauf ab, Berufstätigkeit und Privatleben zu verschmelzen. Dazu tragen Freizeitangebote im Arbeitsumfeld, Räume mit einer hohen Aufenthaltsqualität sowie ein Außengelände bei – womöglich sogar mit Sport- oder Tennisplatz.
New Work erfordert einen neuen Führungsstil: New Leadership. Er umfasst all die Skills und Einstellungen, die Mitarbeitenden das selbstbestimmte, sinnerfüllte Arbeiten ermöglichen. Statt Handlungsanweisungen ist Empowerment gefragt. Dazu muss die Führungskraft selbst dazu bereit sein, das eigene Handeln in Frage zu stellen und sich weiterzuentwickeln. Analog zu New Leadership praktiziert sie New Management. Die Leader setzen den Rahmen, in dem New Work gelebt werden kann. „Entscheidungen werden nicht gefällt, sondern sind gemeinsame Prozesse – methodisch versiert und souverän gestaltet.“[9]
New Leadership bedeutet allerdings nicht, Menschen New Work aufzuzwingen. Vielmehr sind Empathie, Kommunikationsfähigkeit und ein vertrauensvoller Umgang gefragt, um Mitarbeitende individuell in die neue Arbeitswelt zu führen: „Wichtig ist zu verstehen, dass es verschiedene Menschen gibt, die jeweils andere Anforderungen an Führungskräfte stellen. Teamleads brauchen die Kompetenz zu erkennen, welche Bedürfnislage bei welchem Mitarbeiter herrscht. Es braucht Wissen und Training, um die Bedürfnisse von Teammitgliedern zu diagnostizieren und situativ darauf zu reagieren.“[10]
Das Thema New Leadership wird auch 2025 von großer Bedeutung sein, daher ist es wichtig zu wissen, wo das eigene Unternehmen steht und gegebenenfalls die Leadership Effectiveness zu verbessern.
Im Zuge von New Work entwickeln sich neue Formen der Vergütung, die unter New Pay zusammengefasst werden und Grundprinzipien herkömmlicher Systeme radikal in Frage stellen. Das aus Arbeitnehmersicht getriebene „New Pay Collective“ hat dazu allgemeine Grundsätze formuliert[11]:
Das Verständnis dahinter: „Kein Unternehmen kann sich außerhalb des Marktes bewegen, aber das innere Gehaltsgefüge ist ein Kulturgut und Basis des gemeinsamen Erfolgs.“[12] Wie beim gesamten Thema New Work und bei New Leadership operieren die Vertreterinnen und Vertreter von New Pay nicht mit fertigen Konzepten, sondern regen dazu an, individuelle Lösungen zu entwickeln, sich nicht mit einem Status quo zufriedenzugeben, sondern das Vergütungsmodell auf dem Prüfstand zu lassen, eben „Permanent Beta“.
Während Start-ups ihre Arbeitsumgebung auf der grünen Wiese planen und insofern von Anfang an so gestalten können, dass sie New Work fördern, sind bestehende Unternehmen gefordert, New-Work-Elemente nach und nach räumlich zu realisieren. Agile Teams und Projektgruppen mit festangestellten Mitarbeitenden und Freelancern profitieren von Co-Working-Spaces, die mittlerweile flächendeckend angeboten werden. Flexibel buchbare Arbeitsplätze, die offene Atmosphäre und viele Möglichkeiten sich auszutauschen, befördern das produktive Arbeiten.
Reise nach Jerusalem: Beim weit verbreiteten Desksharing, das schon seit den Nullerjahren praktiziert wird, teilen sich die Mitarbeitenden die Arbeitsplätze. Dabei wird einkalkuliert, dass immer ein Teil der Belegschaft wegen Urlaub und Krankheit abwesend ist und andere Kolleginnen und Kollegen remote arbeiten oder auf Auswärtsterminen sind. Insofern hält der Arbeitgeber weniger Arbeitsplätze vor, als bei voller Besetzung benötigt würden. Das entlastet das Unternehmen finanziell, da weniger Immobilienkosten sowie Aufwände für Büroarbeitsplätze anfallen. Zugleich erhöht das Desksharing die Flexibilität der Mitarbeitenden: Sie können sich so zusammensetzen, wie sie es für ihre Projekte gerade benötigen. Sie können die mobilen Schreibtischeinheiten zur Seite schieben, um sich zu Besprechungen zu treffen. Insgesamt tauschen sie sich mehr miteinander aus, weil sie nicht ihr gesamtes Berufsleben lang nur mit Bärbel und Achim zusammensitzen.
Smart Offices fördern die Kreativität. Sie vernetzen Menschen, Räume und technische Infrastrukturen und sind komplett auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden ausgerichtet. „Das Smart Office ist ein datenzentrierter Raum, in dem Mitarbeiter sich wohlfühlen sowie gesund, flexibel und produktiv bleiben können. Es optimiert sich selbst durch den Einsatz der jeweils neuesten Technologien: Sensortechnik, Machine Learning und Prozessautomatisierung.“[13] Über eine App regulieren Arbeitnehmer Temperatur und Licht sowie weitere äußere Faktoren. Oder sie verlassen sich auf die automatisierte Steuerung, die sich per Machine Learning immer besser an die Büronutzer anpasst. Sie buchen Räume, bekommen freie Parkplätze zugewiesen und erhalten, ohne aufschließen zu müssen, Zutritt zu Gebäuden und Büros.
Gelingt es Ihnen, New-Work-Konzepte glaubhaft umzusetzen, steigern Sie als Arbeitgeber den Marktwert des Unternehmens. Das nützt nicht nur im Recruiting, sondern zahlt sich auch in der Employee Experience aus und erhöht so die Mitarbeiterbindung. Eine bessere Work-Life-Balance bis hin zum Work-Life-Blending schafft eine hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber. Wenn Sie Ihren Mitarbeitenden genau den Entscheidungsspielraum geben, der individuell zu ihnen passt, danken sie es Ihnen durch eine überdurchschnittliche Motivation, was sich wiederum auf die Produktivität auswirkt. Indem Sie flächendeckend digitale Tools einsetzen und Remote beziehungsweise Hybrid Work ermöglichen, schöpfen Sie Kostensenkungspotenziale aus und werden insgesamt rentabler. Letztendlich erschließen Sie sich, wenn Sie sich zum Arbeitgeber 4.0 entwickeln, neue Jobprofile und damit Geschäftsfelder.
Die Einführung von New Work bedeutet immense Veränderungen im Personalmanagement und in der Personalentwicklung. Wenn sich Arbeitsstrukturen wandeln, besteht vor allem in der Übergangsphase das Risiko, dass Prozesse nicht mehr reibungslos ineinandergreifen. Da sich die Arbeitnehmer gleichzeitig an neue digitale Werkzeuge gewöhnen müssen, wird ein Teil von ihnen überfordert sein oder aus anderen Gründen den Neuerungen kritisch gegenüberstehen. Da auch Führungskräfte hinter New Work stehen müssen, wenn Sie diese erfolgreich einführen wollen, gilt es, auch in diese Richtung Überzeugungsarbeit zu leisten. Je nach Unternehmenskultur werden Sie dabei dicke Bretter bohren müssen, denn in traditionell hierarchisch aufgestellten Unternehmen ist Statusdenken weit verbreitet. Wer die Karriereleiter einmal erklommen hat, kann empfindlich darauf reagieren, wenn plötzlich im Team entschieden werden soll.
Sie sollten sich im Klaren darüber sein, dass New Work sehr hohe Anforderungen an die IT-Infrastruktur stellt. Zwar senken Sie langfristig Ihre Gemeinkosten, doch kommen erst einmal hohe Investitionen auf Sie zu. Vernetztes, cloudbasiertes Arbeiten stellt zudem hohe Anforderungen an den Datenschutz. Stellen Sie sich darauf ein, entsprechende Richtlinien aktualisieren und gegebenenfalls erweitern zu müssen.
Weniger Pendeln und Geschäftsreisen: Homeoffice als zentraler Bestandteil von New Work reduziert den CO2-Ausstoß. „Zusätzlich lässt sich meist auch der Energieverbrauch für Heizung oder Klimaanlage im Unternehmen sowie für die Strom- und Internetnutzung runterpegeln, wenn Teile der Belegschaft zu Hause bleiben.“[14] Doch Achtung: Es gilt, genau hinzuschauen. Zum einen ist mit den gesparten Wegen wenig gewonnen, wenn Frau Özil sonst immer mit dem Bus kommt und Herr Rodriguez als passionierter Radsportler den Weg ins Büro ohnehin mit dem Bike zurücklegt. Zum anderen kommt es darauf an, wie nachhaltig Ihre Mitarbeitenden zuhause unterwegs sind. „Bereits in der Organisation umgesetzte Anstrengungen, wie der Bezug von grünem Strom oder nachhaltige Wärmenutzungskonzepte, drohen ihre Wirkung zu verlieren, wenn im Homeoffice nicht mindestens in ähnlichem Maße im Sinne der Nachhaltigkeitsagenda operiert wird.“[15] Nicole Gaiziunas, Expertin für Nachhaltigkeitstransformation in Unternehmen, sieht vier Ansatzpunkte[16]:
Aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht können unterschiedliche Aspekte von New Work kritisch gesehen werden. Eine wesentliche Kritik setzt am Konzept selbst an: Es fehlt eine einheitliche Definition von New Work. Daher werden ganz unterschiedliche Aspekte unter New Work angeführt – von der agilen Organisation bis zum Homeoffice. Folglich ist es nahezu unmöglich, New-Work-Initiativen zu evaluieren, da ein verbindlicher Maßstab fehlt.
Aus Arbeitnehmersicht bergen Ideen wie Work-Life-Blending das Risiko, sich nicht mehr von der Arbeit abgrenzen zu können. Achten Sie daher als Arbeitgeber darauf, dass eine hohe intrinsische Motivation Ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht zu Selbstausbeutung führt. Nehmen Sie Ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeber wahr, indem Sie eine gute Employee Experience, Gemeinschaftsgefühl und einen zielorientierten Teamspirit fördern, ohne die Mitarbeitenden emotional unter Druck zu setzen. Auch wenn die Arbeit noch so schön und sinnvoll ist: Mitarbeitende brauchen ihre Freizeit und Gelegenheit, sich zu erholen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die hohe Abhängigkeit von Technologien kann zu Stress führen und den Informationsfluss behindern. Wenn Kolleginnen und Kollegen bestenfalls sporadisch im Büro zusammenkommen, besteht die Gefahr, dass Informationen verlorengehen oder gar nicht erst ausgetauscht werden, zumal die Digital- und Technologiekompetenz in der Belegschaft unterschiedlich entwickelt ist. In diesem Zusammenhang werden auch Bedenken ins Feld geführt, die den oben genannten widersprechen: Betont ein Unternehmen bei seinem New-Work-Ansatz die digitalen Aspekte statt des gemeinsamen Spaßes an der Arbeit, kann New Work zu Isolation führen, da der selbstverständliche Austausch im Kollegenkreis fehlt. Andere Arbeitnehmer leiden unter einem Mangel an Struktur, da bekanntlich nicht jedem und jeder das Talent zur Selbstorganisation in die Wiege gelegt wurde.
Bemängelt wird außerdem, dass sich New Work nur für bestimmte Berufsfelder eignet. Viele Beschäftigte müssen körperlich anwesend sein, um zu arbeiten, und haben – beispielsweise in der Fertigung – wenig Spielräume, Abläufe individuell zu strukturieren. In diese Richtung argumentiert auch der Manager und Arbeitsmarktexperte Carlos Frischmuth in seinem Buch „New Work Bullshit“. Er kritisiert vor allem ein verkürztes und oberflächliches Verständnis von New Work: „Der eine oder andere sagt inzwischen, dass er über den Kicker schon längst hinweg ist und schon eine Tischtennisplatte hat. Was soll das? Sind wir im Büro oder bei ‚Schöner Wohnen‘? Ein Büro kann beim emotionalen Wohlfühlfaktor niemals mit dem eigenen Zuhause mithalten. Also versucht es erst gar nicht. Und was hat von so einer Maßnahme ein Busfahrer oder ein Polizist? New-Work-Büros sind definitiv Bullshit im Sinne einer echten und besseren Arbeitswelt, es ist maximal eine Art Lametta. Und es ist auch nicht die Veränderung, die unsere Arbeitswelt wirklich braucht.“
Frithjof Bergmann, Begründer der New-Work-Bewegung, sagte 2018 in einem Interview, er ärgere sich „sehr, sehr tüchtig“ über die oberflächliche Herangehensweise an sein Konzept: „Für viele ist New Work etwas, was Arbeit ein bisschen reizvoller macht, quasi Lohnarbeit im Minirock.“[17]
[1] Arbor Verlag: "Wir sollen nicht der Arbeit dienen, sondern die Arbeit soll uns dienen" (abgerufen am 10.07.2024)
[2, 3, 4, 5] Humanfy: "New Work Charta" (abgerufen am 11.07.2024)
[6, 7, 8] Computerwoche: "Was New Work bedeutet: In 7 Punkten erklärt" (abgerufen am 11.07.2024)
[9, 10] Haufe Akademie: "Mit New Leadership zum Erfolg in der modernen Arbeitswelt" (abgerufen am 12.07.2024)
[11, 12] New Pay: "Was ist New Pay?" (abgerufen am 12.07.2024)
[13] Roland Berger: "Das Smart Office: ein Büro, das sich nach dem Menschen richtet" (abgerufen am 11.07.2024)
[14, 15, 16] LinkedIn: "Sustainability vs. New Work: Diesen vier Fragen sollten Unternehmen mit Homeofficekultur sich jetzt stellen" (abgerufen am 12.07.2024)
[17] Haufe: "Frithjof Bergmann übt Kritik an aktueller New Work-Debatte" (abgerufen am 12.07.2024)