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03.04.2019 – Lesezeit: 3 Minuten

Human Resources / Impulse

Wenn Homeoffice zur Isolationsfalle wird

Homeoffice ist beliebt, aber auch umstritten. Für viele Freiberufler ist die Heimarbeit über einen längeren Zeitraum oder gar permanent eine Selbstverständlichkeit, aber für zahlreiche Angestellte gewöhnungsbedürftig. Es drohen die Gefahren einer Isolation, gesundheitliche Risiken und ein möglicher Karriereknick.

In manchen Führungsetagen herrscht oft altes Denken vor, und Homeoffice wird als verkappter Urlaub angesehen. Mit solchen Chefs droht Mitarbeitern ein Karriereknick, wenn sie öfter Homeoffice in Anspruch nehmen. Laut einer aktuellen Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom besteht in vielen Firmen die Befürchtung, dass die Produktivität von Mitarbeitern im Homeoffice sinkt, dass sie schlecht erreichbar sind und dass die Arbeitszeit nicht kontrolliert werden kann. Das Arbeitsministerium plant eine neue gesetzliche Regelung, die das Recht auf Homeoffice verankert, damit dürften wohl zumindest zum Teil Hemmnisse aus dieser Richtung wegfallen.

Individueller Eignungstest

Wer sich für das Homeoffice-Konzept interessiert, sollte sich zunächst selbst die Frage stellen, ob diese Arbeitsform das Richtige ist. Einige Leute finden es prima, andere kommen überhaupt nicht damit zurecht. Generell sind Menschen mit hohem Kommunikationsbedarf besser im Büro aufgehoben, während Individualisten die Ruhe im Homeoffice schätzen.

Grenzen zwischen Arbeit und privat schwinden

Wer im Homeoffice Neuland betritt, dem droht die Gefahr, dass er die Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Familie für sich selbst nicht klar genug definiert. Es könnte sein, dass er sich zu leicht ablenken lässt. Eltern können übermäßig von ihren Kindern in Anspruch genommen werden. Und manchmal wird das dadurch überkompensiert, dass Arbeit bis in den späten Abend fortgesetzt wird, was im schlimmsten Fall zum Burnout führen kann.

Isolation lauert

Oliver Stettes, Experte für Arbeitswelt beim Institut der Deutschen Wirtschaft Köln warnt vor den Gefahren im Homeoffice: „Nicht jede Person kann mit dieser Souveränität über die eigene Zeit umgehen“, sagt er. Wer von zu Hause arbeite, spüre häufig einen höheren Druck, erreichbar zu sein und besonders gute Arbeit zu leisten. „Niemand kann nachvollziehen, wie sehr ich mich angestrengt habe, wenn das Ergebnis nicht überzeugt.“

Tim Vahle-Hinz, Arbeitspsychologe an der HU Berlin, sieht darüber hinaus Gefahren durch Stress: „Hat man das Gefühl, immer sehr schnell auf E-Mails reagieren zu müssen, damit nicht der Eindruck entsteht, man sei faul, ist das Homeoffice eher mit Stress verbunden und ungesund.“
Arbeitspsychologe Karl-Heinz Sonntag von der Universität Heidelberg bekräftigt in einem Interview: „Wer zuhause arbeitet, braucht eine gute Selbstregulation, ein hohes Maß an Eigenverantwortung, Disziplin und ein gutes Zeitmanagement. Das ist bei der Arbeit im Unternehmen nicht in dem Umfang erforderlich, da vieles vorstrukturiert ist“.

Er ergänzt: „Studien zeigen, dass Menschen, die Homeoffice machen, dazu neigen, sich teilweise selbst auszubeuten und viele Überstunden zu leisten. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen – und dann arbeiten sie eben auch mal die Nacht durch. Dabei ist gerade das Abschalten von der Arbeit wichtig für die persönliche Erholung und produktive Arbeit am nächsten Tag.“

Missverständnisse in der Kommunikation

Wenn sich Kollegen von Angesicht zu Angesicht begegnen, lernen sie einander schätzen und können mit Gesten oder auch nur einem Augenzwinkern begreiflich machen, was sie meinen. Bei reiner E-Mail-Kommunikation ist dagegen die Gefahr von Missverständnissen hoch, weil ein unachtsam geschriebenes Wort negativ aufgefasst werden kann oder einfach ganz anders interpretiert wird, als es gemeint ist. Es besteht zudem die Gefahr, dass die Mitarbeiter im Büro diejenigen im Homeoffice einfach in der Kommunikation übergehen, weil sie bestimmte Sachen für selbstverständlich halten, die per Flurfunk mitgeteilt wurden. Außerdem ist es ein erheblicher Zeitaufwand, jedes Mal eine E-Mail zu schreiben oder zum Telefon zu greifen, um bestimmte Dinge abzuklären.

Lassen sich persönliche Treffen nicht einrichten, sind die Mittel der Wahl Skype oder Microsoft Teams. Solche Chat-Tools erlauben Echt-Zeit-Kommunikation mit einer reichen Auswahl an voreingestellten Smileys. Über die Definition von Gruppen können mehrere Mitarbeiter in einer Abteilung einbezogen werden. So kann beispielsweise das ganze Marketingteam in Echtzeit verfolgen, was die Kollegen gerade machen und ob sie erreichbar sind (Statusanzeige Rot/Grün). Auch das kann natürlich nicht ganz verhindern, dass manches anders aufgefasst wird, als es der Absender beabsichtigt.

Das Telefon dient dagegen als Kommunikationsverstärker. Es ist natürlich aufwändig, eine Telefon- oder Video-Konferenz aufzusetzen, und alle Teilnehmer müssen Zeit mitbringen, dafür ist aber auch eine gewisse technische Ausstattung erforderlich. Streng genommen ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, diese bereitzustellen. Die Realität in vielen Firmen sieht aber anders aus.

Nicht für jeden geeignet

Homeoffice ist nicht für jeden geeignet. Die Heimarbeit kann sich im schlimmsten Fall nicht nur negativ auf das Privatleben auswirken, sondern auch psychische Belastungen durch Stress und soziale Isolation mit sich bringen. Daher sollte man unbedingt für sich herausfinden, ob Homeoffice das Richtige ist. Denn klar ist auch: Zum Homeoffice gezwungen werden kann man laut Gesetzgeber nicht. Viele stellen nach ein paar Versuchen fest, dass sie sich im Büro viel wohler fühlen und nehmen dafür auch das tägliche Pendeln gerne in Kauf.

Sie möchten mehr zum Thema Homeoffice erfahren? Hier finden Sie unseren Artikel zu den rechtlichen Rahmenbedingungen der Heimarbeit.

Quelle: Titelbild pixabay, tillburmann