29.05.2020 – Lesezeit: 3 Minuten

Human Resources / Impulse

Lehren aus der Corona-Krise: Digitalisierung ist nicht alles

Für CIOs und CTOs sollte der Massensturm ins Homeoffice nach Ausbruch von COVID-19 eigentlich Bestätigung sein, wie wichtig Digitalisierung ist. Georg Stawowy, Technikvorstand der Lapp-Gruppe, schlägt nachdenklichere Töne an. Welche drei Lehren sich daraus ziehen lassen.

Viele Artikel beschäftigen sich derzeit damit, was die Corona-Pandemie, der darauffolgende Lockdown und Massenexodus ins Homeoffice für die digitale Transformation bedeuten wird. Georg Stawowy, Vorstand für Technik und Innovation bei der Stuttgarter Lapp Holding AG, Anbieter von Verbindungstechnik, teilt im DATEV-Magazin eine interessante und etwas andere Sichtweise.

Georg Stawowy, Vorstand für Technik und Innovation bei der Lapp-Gruppe

Wie er sagt, ist dieser Tage oft zu hören, dass das Virus zum Katalysator der digitalen Transformation werde. Man müsse aber weiterdenken. Denn einerseits sei Digitalisierung ein wichtiger Motor für das Kerngeschäft Verbindungslösungen seines Unternehmens, andererseits sei er auch vor der Krise schon zu der Überzeugung gelangt, dass die digitale Transformation „nicht das Alleinseligmachende ist und das Analoge weiterhin einen hohen Stellenwert hat“.

Die Erfahrungen der Corona-Krise würden fraglos die Digitalisierung beschleunigen, „aber wir werden auch spüren, was uns fehlt, wenn wir nur noch im Homeoffice arbeiten“. Für ihn ergeben sich aus der Krise folgende drei Lehren, „die nur am Rande mit Digitalisierung zu tun haben“.

1. Dezentralität macht flexibler

So wie sich die Ereignisse überschlagen haben und sich von Land zu Land die Phasen der Wucht der Pandemie und von Lockdown und Lockerungen verschoben haben, ändere sich die Informationslage beinahe im Stundentakt. Das habe dazu geführt, dass auch bei Lapp die Zahl der Abstimmungsgespräche stark zugenommen hat – „virtuell natürlich“, wie Stawowy betont.

So schnell, wie sich die Ereignisse überschlagen, kann eine zentrale Steuerung gar nicht funktionieren. „In unserem Arbeitsalltag ist die Dezentralität systemimmanent“, bringt es der CTO auf den Punkt. Das hilft, die Entscheidungen dorthin abzugeben, wo sie zu treffen sind. Die lokalen Geschäftsführer würden in ihrem „Mikrokosmos“ in den unterschiedlichen Ländern den Handlungsspielraum brauchen, um jeweils die passende Lösung zu finden. Der seit vielen Jahren gepflegte Ansatz von zentraler Koordination und dezentralem Unternehmertum komme Lapp nun zugute.

„Wo man Menschen einfach machen lässt, entwickeln sie Motivation, in Eigeninitiative auf Basis der lokalen Gegebenheiten Lösungen zu finden, die den individuellen Anforderungen tatsächlich gerecht werden.“ Als Beispiele nennt Stawowy, den lokalen Geschäftsführer in Asien, der frühzeitig Mundschutzmasken anfragt, die Kollegin, die aus Eigenantrieb relevante Webinare entwickelt, oder Mitarbeiter mit Erfahrungen im 3D-Druck, die sich Gedanken über die Produktion von Virenschutz-Visieren machen. So wunderbar es sei, über ein einheitliches ERP-System die Lieferkette global steuern zu können, seien es aber doch die lokalen Einheiten mit ihren engagierten Mitarbeitern, die das Rad am Laufen halten.

2. Wertegerüst hält Unternehmen stabil

In der Krise werde Loyalität und Zusammenhalt zum wichtigen Stabilitätsfaktor. So bedauerlich die Lage auch ist – erlebt man ein emotionales Zusammenrücken, unabhängig von Aufenthaltsort und Position. Auch wenn man nach Martin Luther King von verschiedenen Booten komme, finde man sich nun in einem wieder und trage jeder Verantwortung dafür, auf dem richtigen Kurs zu bleiben. Dafür braucht es aber eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens in jeden Einzelnen.

Das findet sich auch in dem schon länger verfolgten Projekt „ONE LAPP“ wieder, wo sein Unternehmen in Kulturteams daran arbeitet, die Voraussetzung für eine offene Zusammenarbeit von Menschen zu schaffen, die gewisse Grundwerte teilten. In der Corona-Krise zeigen sich jetzt erste Früchte. Gleichzeitig habe man klar erkannt: „Manche Dinge lassen sich nicht digitalisieren. Digitalisierung ist das Medium. Doch das Potenzial kommt von Individuen, die mit Initiative und Intelligenz dieses Medium nutzen und im menschlichen Netzwerk auf den Weg bringt“, so Stawowy.

3. Mensch als größter Erfolgsfaktor

Die letzte der drei Lehren, die der Lapp-Technologievorstand aus der Corana-Krise und dem Umgang damit zieht, schließt sich eigentlich an dem vorher Genannten an und wurde ihm erst jetzt richtig bewusst. Vieles lässt sich automatisieren, auch durch Künstliche Intelligenz (KI), aber der Mensch macht mit seinen Emotionen und seiner Ethik die immer mehr „durch Maschinen erkühlte Welt“ erst lebenswert.

Natürlich sei Digitalisierung hilfreich und bringe sie Menschen auf der ganzen Welt auch näher zusammen. Gerade in der Krise zeigen sich auch die Vorteile der Digitalisierung, das Alltagsgeschäft aufrechtzuerhalten. Aber die derzeitige Lage zeige auch: „Die Digitalisierung ist nur ein Fundament für Prozessabwicklung – der persönliche Kontakt zu Kunden, Partnern und Kolleg/innen ist und bleibt der entscheidende Faktor für den Unternehmenserfolg.“

Wer also nur über Digitalisierung rede, denke zu kurz. Es sei sicherlich gut, das heute „selbstverständliche Fundament“ schneller aufzubauen. Viel wichtiger ist für den Lapp-CTO aber, „was und wie wir gemeinsam auf dieser Grundlage aufbauen. Als Unternehmen wie auch als globale Gesellschaft“. Wie COVID-19 aktuell den Homeoffice-Trend befeuert, erfahren Sie in diesem Artikel.

Quelle: Titelbild iStock, PeopleImages / Georg Stawowy, Pressebild