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27.09.2019 – Lesezeit: 4 Minuten

Geschäftsbereiche / Produktion und Logistik

Interview: Trade Compliance in Zeiten handelspolitischer Unruhe

Trade Compliance liegt in den meisten international tätigen Großunternehmen längst als Aufgabe im oberen Top-Management. Doch Prozesse werden immer komplexer, dazu stellt sich die Frage, wie sie mit Trade Compliance in Zeiten handelspolitischer Unruhe umgehen sollen. Im Interview steht Dirk Hagemann, Fach-Experte auf dem Gebiet Trade Compliance, Rede und Antwort.

Guten Tag, Herr Hagemann. Danke, dass Sie wieder die Zeit für uns gefunden haben. Lassen Sie uns gleich einsteigen. Vor etwa einem Jahr hatten Sie Ihr erstes Interview zum Thema Trade Compliance mit der Mittelstand-Heute-Redaktion. Was hat sich seitdem getan, wie hat sich die Situation für Unternehmen entwickelt?

Ich kann das natürlich nicht auf die letzten zwölf Monate eingrenzen, aber man merkt tatsächlich, dass sich die Dinge, auch im Alltag der Unternehmen, verändern. Generell sehen wir ja seit 2016/2017 eine Zuspitzung von internationalen Handelskonflikten – maßgeblich angetrieben durch die aktuelle US-Administration. Das hat konkrete Auswirkungen auf den Unternehmensalltag im Bereich Compliance generell und Zollabwicklung im Besonderen.

Auswirkungen welcher Art…?

Man merkt in der praktischen Beratung, dass das „Zoll-Chaos“ der US-Regierung große Auswirkungen auf die globalen Supply Chains der Unternehmen hat - insbesondere im Hinblick auf China. Zölle sind natürlich thematisch nichts Neues, aber was bis dato eher eine verlässliche Fahrt in ruhigen und planbaren Gewässern war, gleicht aktuell einem Schippern durch stürmische See. Insbesondere betroffen sind diejenigen Unternehmen, die in allen drei Märkten – also EU, China und USA – tätig sind. Dort gehen nun die strategischen Sourcing-Überlegungen los, ob man sich einen chinesischen Lieferanten überhaupt noch leisten kann.

Ist es tatsächlich so, dass Zölle so stark ins Gewicht fallen?

Die Höhe der zusätzlichen Zollabgaben kann die vorher geplanten Preisstrategien in der Tat massiv beeinträchtigen. Zusätzlich kommt die Unsicherheit, die sich durch die impulsive US-Handelspolitik einstellt. Und diese Unsicherheit nimmt generell zu, auch in Firmen, die so vielleicht noch gar nicht direkt betroffen sind und zieht sich durch alle Abteilungen – vom Einkauf über den Vertrieb bis zu den Compliance-Verantwortlichen und der Geschäftsführung. Vor allem bei der Geschäftsführung ist natürlich auch die persönliche Haftung immer ein wichtiger Punkt bei erheblichen Verstößen gegen Zollrecht oder Außenwirtschaftsrecht.

Sie haben das Stichwort persönliche Haftung genannt – diese greift ja vor allem bei Verstößen gegen Embargos und Sanktionen. Gibt es da aktuelle, länderspezifische Entwicklungen?

Mit Blick auf die aktuelle tagespolitische Nachrichtenlage mag man bei diesem Thema vielleicht zu allererst an den Iran denken. De facto haben sich jedoch viele europäische Unternehmen komplett aus dem Iran-Geschäft zurückgezogen. Auch wenn rein rechtlich noch viele Geschäftsbereiche zugänglich sind, spielen die Iran-Sanktionen deshalb praktisch im Unternehmensalltag keine Rolle mehr. Das Risiko ist in der Praxis nicht beherrschbar und die Gefahr, auf einer US-Sanktionsliste zu landen, zu groß. Im Alltag mehr Bedeutung hingegen haben Russland, Birma/Myanmar und zunehmend auch Venezuela.

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Man muss in diesem Zusammenhang den Begriff „Compliance“ einordnen. Compliance bedeutet vor allem Identifizierung, Steuerung und Abwehr von unternehmensbezogenen Haftungsrisiken, die für das Unternehmen erhebliche finanzielle Schäden oder schwere Reputationsverluste verursachen können. Insofern kann Compliance manchmal strenger sein, als es die Rechtslage zulässt. Das bedeutet, dass ein risikoreiches Geschäft aus Compliancegründen abgelehnt werden kann, obwohl es rein rechtlich durchaus erlaubt sein könnte. Im ersten Schritt stellt sich somit immer erst die rechtliche Frage: Dürfen wir das (risikoreiche) Geschäft machen? In einem zweiten Schritt stellt sich bei rechtlich erlaubten, aber risikoreichen Geschäften die Compliancefrage: Wollen wir das Geschäft machen?

Mit Blick auf europäische Unternehmen würde man wahrscheinlich vermuten, dass die wirtschaftliche Verflechtung mit Venezuela nicht allzu groß ist und deshalb der Effekt nicht wirklich gravierend.

Na ja, Sie werden in vielen Fällen erst dann merken, was das konkret für Folgen hat, wenn Sie jedweden Kontakt zu Venezuela in dem ERP-Programm eines Unternehmens systemseitig sperren - dann poppen die Fehler auf. Aber Sie haben insofern natürlich Recht, als dass Russland für viele Unternehmen vom Umsatz her ungleich bedeutender ist. Und in der Tat sind die Russland-Sanktionen gegenwertig die große Herausforderung der IT-gestützten Compliance. Hier geht es um die transparente Prüfung von Geschäftspartnern auf UBO-Ebene, also auf Ebene des Ultimate Beneficial Owners, mit sämtlichen, zum Teil komplexen Oligarchenstrukturen. Und das ist die Herausforderung beim Russland-Geschäft: Es gibt einen unmittelbaren Geschäftspartner, welcher auch im SAP hinterlegt ist und der optimalerweise gegen ein Screening läuft. Aber man will natürlich auch die OFAC 50% Rule und das europäische mittelbare Bereitstellungsverbot prüfen und muss deshalb wissen, wer gesellschaftsrechtlich hinter oder über dem direkten Geschäftspartner steht - bis hin zu den gelisteten Oligarchen. Der Content der Screening Software sowie zusätzliche Datenbanken für eine Complianceprüfung sowie die Stammdaten von Systemen zur Exportabwicklung, wie etwa SAP GTS, werden also immens wichtig.

Content ist also King – nicht nur im Marketing?

Das kann man so stehen lassen. In der Praxis zeigt sich das bspw. auch beim Thema US-Re-Exporte. Zwar ist auch hier grundsätzlich nichts Neu, die US-Regierung verschärft jedoch faktisch die Situation im Exportkontrollrecht signifikant. Dass es entsprechende Regelungen zu US-Re-Exporte gibt, war vor der aktuellen US-Administration in erster Linie in den großen Konzernen bekannt, im Mittelstand jedoch tendenziell weniger. So findet man in vielen Unternehmen oft keine echten Spezialisten für das Thema US-Recht, auch wenn sie jetzt vielfach gebraucht werden. Der Wunsch ist daher oft, alles über die IT bzw. die Stammdaten zu lösen, ohne dass jemand das Thema fachlich durchdringen muss.

Zeit für eine Ausblick-Frage: Wie wird sich das Thema Trade Compliance weiterentwickeln?

Es wird sicherlich so sein, dass man sich immer mehr von ‚Papier‘ trennen wird. Der Trend der letzten 10, 15 Jahre war immer: Man muss eine Policy und eine passgenaue Arbeits- und Organisationsanweisung schreiben. Das war sozusagen der Heilige Gral der Compliance Beratung. Eine Policy liegt meistens jedoch irgendwo in der Schublade, vielleicht steht sie auch irgendwo im Intranet. Im besten Fall wissen die Leute, wo sie sie finden, aber nicht, was drinsteht. In der Realität lassen sich große Unternehmen nur noch digital über die Stammdaten der Kreditoren, Materialien und Debitoren effizient steuern. Deswegen ist die IT eigentlich jetzt schon die wichtigste Compliance-Abteilung – und das wird weiter zunehmen. Statt Zeit und Geld in die Erstellung von analogen Papier-Policies zu investieren, sollten die Trade Compliance Abteilungen in Zukunft mehr an digitalen Trade Compliance Management Systemen arbeiten und das ERP-Programm und die Trade Compliance relevanten Stammdaten zielgerichtet justieren.

Vielen Dank für das Interview!

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Quelle: Titelbild AdobeStock, sorapop / Dirk Hagemann Website