Der digitale Wandel zwingt die Automobilzulieferer zum Umdenken

Die Zulieferer der Automobilindustrie stehen stark zunehmend unter Druck. Disruptive Technologien wie Elektromobilität, Carsharing und autonomes Fahren erfordern einen Shift vom reinen Hardware- zum Softwarelieferanten, besagt eine aktuelle globale Studie.

Der Wandel in der Automobilbranche wird erhebliche Auswirkungen auf die Zulieferindustrie haben, ist das Fazit der „Global Automotive Supplier Study 2018“ von der deutschen Unternehmensberatung Roland Berger und der US-Investmentbank Lazard. „Zulieferer müssen sich mit Hochdruck mit dem Wandel befassen, der auf sie zukommt“, mahnt Felix Mogge, einer der Partner von Roland Berger an. Für die Studie wurden weltweit 650 Zulieferbetriebe befragt.

Noch läuft der Motor

Die digitale 3D Fertigung ist jetzt auch in der Automobil-Industrie angekommen.

Noch läuft der Motor. Doch wie lange hält der Trend noch an? (Quelle: iStock/ Zapp2Photo).

Momentan liefen die Geschäfte noch vergleichsweise gut. Die Unternehmen sollten die positive Entwicklung jetzt nutzen, um für die Zukunft gerüstet zu sein, so Mogge. Es gibt jedoch erste Zeichen, dass der Trend nicht anhält. 2017 konnten die Zulieferer ihren Umsatz im Schnitt noch um 3 Prozent steigern, die EBIT-Marge verharrte aber bei rund 7,3 Prozent. In manchen Regionen und Segmenten sind schon rückläufige Absatzzahlen Umsätze zu verbuchen. Roland Berger rechnet zum Beispiel für die in Nordamerika produzierten Pkw und leichten Nutzfahrzeuge mit einem Absatzminus von 3 Prozent auf 17,4 Millionen Fahrzeuge.

Zum Vergleich: Der europäische Pkw-Markt ist 2017 laut dem Herstellerverband ACEA und Auto Motor Sport um 3,4 Prozent auf 15,1 Millionen Neuzulassungen gewachsen. Allerding wurden im Dezember 2017 in Deutschland minus 1,0 Prozent, in Italien minus 3,2 und in Großbritannien sogar minus 14,4 Prozent bei den Neuzulassungen registriert. Der reiche Stadtstaat Singapur hat gerade die Zahl der Zulassungen auf derzeit rund 600.000 Pkw begrenzt, bei 5,6 Millionen Einwohnern ist diese ohnehin sehr gering. Deutschland zählt 46 Millionen Autos bei 83 Millionen Einwohnern. Aber drohende Diesel- und jetzt sogar Benziner-Fahrverbote können den Markt empfindlich bremsen – so wie die teuren City-Mautgebühren in Singapur, London, Paris und Tokio, um nur einige zu nennen.

Disruptive Megatrends

Die Macher der Studie rechnen mit zeitgleich mehreren Megatrends, die in ihrer disruptiven Kraft den Zulieferern gefährlich werden könnten, wenn sie nicht umdenken. Auf dem zweiten Diesel-Gipfel der Bundesregierung wurden zum Beispiel Maßnahmen festgelegt, die E-Mobilität voranzutreiben. Deutschland steht damit nicht allein da. Roland Berger und Lazard gehen davon aus, dass etwa ein Drittel aller Neuzulassungen in Europa 2025 auf E-Autos entfallen werden. In China könnten es nach den aktuellen Plänen sogar 47 Prozent werden. Das setzt natürlich auch die deutschen Automobilbauer und ihre Zulieferer einem hohen Druck aus, gehören deutsche Mittel- und Oberklassewagen doch zu den Lieblingsautos der Chinesen.

Ferner gehen die Experten davon aus, dass in 15 bis 20 Jahren bis zu 25 Prozent der Fahrzeuge die höchste Autonomiestufe (für autonomes Fahren) erreichen werden. Hinzu kommt laut Mogge der Trend zur zunehmenden Digitalisierung und Konnektivität der Fahrzeuge. „Das wir zu einem Wandel der Zuliefererindustrie von der Hardware in Richtung Software-Entwicklung führen“, so der Unternehmensberater. Das werden auch neue Mobilitätsmodelle wie Car Sharing erfordern. Es wird erwartet, dass der europäische Anteil am Pkw-Absatz in diesem Bereich bis 2025 auf 10 bis 15 Prozent steigen dürfte. Dabei mischen BMW und Daimler schon kräftig mit in dem Markt und waren sie wohl selbst überrascht, wie gut DriveNow und Car2go ankommen. Wie die FAZ Ende Januar 2018 berichtete, sollen die beiden Carsharing-Dienste nun fusionieren. Das Münchner Mietwagenunternehmen SIXT hat mit dem Verkauf der DriveNow-Anteile an BMW den Weg dafür freigemacht.

Verlangsamtes Wachstum, aber neue Chancen

Zulieferer müssen ein größeres Tempo hinlegen (Quelle: iStock/ chombosan).

Für die Zulieferer bedeuten diese disruptiven Megatrends, dass sie mit Umsatzeinbußen oder zumindest mit einem verlangsamten  Wachstum rechnen müssen. Gleichzeitig müssen sie aber auch ein größeres Tempo hinlegen, was den technologischen Fortschritt angeht, und Software als Differenzierungsfaktor entdecken. Für Anbieter von standardisierten Komponenten werde sich zudem der Druck erhöhen, so die Studie von Roland Berger und Lazard.

 


„Der Wandel zwingt die Zulieferer, gleichzeitig in alte und neue Technologien zu investieren“, betont Mogge und fügt hinzu, dass das für die meisten Zulieferer ein erheblicher finanzieller Kraftakt mit offenem Ausgang sei. Denn zugleich sinken auch die Margen für viele Produkte. „Andererseits eröffne die fortschreitende Digitalisierung auch neue Geschäftschancen.“


 

Die Zulieferer sollten daher analysieren, wie sich die Megatrends auf ihr Geschäft auswirken und welcher Mix aus neuen und bestehenden Produkten ihnen Wachstum verspricht oder aus dem jeweiligen Marktsegment sogar komplett aussteigen, so die Experten der Studie laut einem Artikel in Automobil Produktion. Dabei werden auch Kooperations- oder besser Innovationspartnerschaften immer wichtiger.

Einen großen Druck sieht der deutsche Lazard-Direktor Michael Schmidt auch vonseiten der OEMs (Original Equipment Manufacturers), denn ihr Geschäftsmodell sei genauso von den Megatrends bedroht. „Daher konkurrieren in den neunen Wachstumssegmenten Shared Mobility, autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektrifizierung beide (Seiten) um dieselben potenziellen Partner und Akquisitionsziele“, schreibt Schmidt und fügt hinzu: „Ebenso ist die Verteilung der Wertschöpfungskette und die Tiefe der vertikalen Integration, etwa beim Elektromotor oder der Fahrerassistenz-Software, noch lange nicht abschließend geklärt.“

 

Quelle Titelbild: iStock/ RicAguiar

Mittelstand.Heute Redaktion

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