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„AI eats Software“ – was das für die SAP-Welt wirklich bedeutet

Geschrieben von Dr. Ulrich Faisst | May 6, 2026 12:59:26 PM

KI-Agenten verändern UI, Workflows und Pricing – nicht das ERP. Warum SAP als System of Record gewinnt und was CIOs jetzt tun sollten.

Aktuell schafft es eine These aus der Tech-Szene in überraschender Geschwindigkeit auf die CFO- und CIO-Agenden: „AI eats Software“. Auslöser waren nicht neue Schlagworte, sondern neue Fähigkeiten. Mit Anthropic Claude Computer Use wurde sichtbar, dass KI nicht nur formuliert, sondern Anwendungen bedienen und Aufgabenketten ausführen kann – in Sales, Finance oder Legal. Damit bekommt eine alte Frage neue Schärfe: Wenn Agenten Arbeit erledigen, ohne sich dauerhaft in Oberflächen aufzuhalten, was passiert dann mit UI-lastigen Produkten, Add-ons – und dem seat-basierten Lizenzmodell?

In der SAP-Welt wird die These oft zu pauschal verstanden. Im Fokus steht nicht der ERP-Kern, sondern das, was sich darüberliegt: Interaktion, Workflow-Logik und Analytics. Aber: Zur Debatte steht nicht ERP an sich, sondern die Art, wie ERP genutzt und monetarisiert wird. Für SAP-Anwender beginnt damit eine neue Transformationsphase – weg vom Arbeiten in Masken, hin zur gesteuerten Ausführung durch KI-Agenten. Die entscheidende Frage lautet nicht „Ersetzt KI SAP?“, sondern: Wie wird SAP zur verlässlichen Prozess- und Datenbasis, auf der agentische Automatisierung sicher, auditierbar und wirtschaftlich läuft?

 

Was Agenten angreifen: UI, Workflow, Analytics, Add-ons 

KI-Agenten sind mehr als Chatbots mit Tools: Sie planen, entscheiden und führen Aufgaben aus – in Sales, Finance oder Legal genauso wie in IT-Service-Prozessen. Anders als bei Large Language Models geht es nicht um die Sprach- und Textqualität. Die Fähigkeit eines KI-Agenten misst sich daran, wie gut er Anweisungen in Aktionen übersetzt.

Wenn Agenten End-to-End-Aufgaben übernehmen, greifen sie zuerst die Schichten an, die Unternehmenssoftware bislang geprägt haben: Benutzeroberflächen, Workflows, Reporting/Analytics und Add-ons, deren Nutzen vor allem darin lag, Klickwege abzukürzen oder Informationen zu konsolidieren.

Der Wechsel lässt sich einfach beschreiben: Software war lange UI-first – Menschen arbeiten in Masken und stoßen Prozesse per Klick an. Mit Agenten verschiebt sich Ausführung in den Hintergrund – weg vom Screen, hin zu APIs und Events. Der Agent erkennt Abweichungen in Finanzdaten, prüft Verträge, triggert Workflows und eskaliert Ausnahmen – oft komplett ohne menschliche Klickfolgen. Das ist die eigentliche Disintermediation, die die Debatte antreibt: Agenten ersetzen den Kern nicht – sie umgehen die Maske und verändern, wie der Kern genutzt wird.

Genau hier entscheidet sich in der Praxis auch die Architekturfrage API-First vs. UI-First: Bleibt die Oberfläche der Hauptzugang, oder wird Ausführung über Schnittstellen und Events zur Norm?

Warum ERP nicht verschwindet: SAP als System of Record wird wichtiger 

Die verbreitetste Fehlannahme: Wenn die Oberfläche an Bedeutung verliert, müsse der Kern gleich mitfallen. In der Realität ist eher das Gegenteil plausibel. Je autonomer Ausführung wird, desto wichtiger wird das System of Record. Denn autonome Systeme brauchen ein transaktionales Rückgrat, das Wahrheit schreibt, Rechte durchsetzt und Revisionssicherheit gewährleistet.

ERP-Systeme wie SAP Cloud ERP liefern genau diese Eigenschaften: konsistente Stamm- und Bewegungsdaten, Rollen- und Berechtigungskonzepte inklusive Segregation of Duties und die für den Mittelstand essenzielle Revisionssicherheit. Agenten können orchestrieren, aber sie dürfen nicht zum „Wahrheitssystem“ werden. Gerade bei kritischen Prozessen ist SAP die Instanz, die Kontrolle und Nachweisbarkeit zusammenführt.

Mit anderen Worten: Agenten ersetzen SAP nicht. Sie arbeiten auf SAP – und machen die Qualität der SAP-Basis sichtbarer als je zuvor. Schlechte Stammdaten, widersprüchliche Statuslogiken oder historisch gewachsene Sonderfälle wirken in agentischen Ketten nicht mehr punktuell, sondern systemisch. Ein menschlicher Fehler ist ärgerlich und meist lokal begrenzt. Ein Agentenfehler kann sich vervielfältigen.

Deshalb wird SAP nicht obsolet – es wird zum Sicherheits- und Qualitätsanker.

 

Die eigentliche Disruption: Von Seats zu Execution 

Der tiefste Wandel ist weniger technologisch als betriebswirtschaftlich. Jahrzehntelang wurde Software entlang menschlicher Nutzung bewertet: Seats, Logins, UI-Produktivität. Mit Agenten verschiebt sich der Maßstab zu Execution. Wert entsteht nicht mehr primär dadurch, dass viele Menschen eine Oberfläche bedienen, sondern dadurch, dass Prozesse automatisiert, kontrolliert und schnell ablaufen. Für CIOs bedeutet das eine neue Steuerungslogik: Erfolgreich ist, was Durchlaufzeiten senkt, Ausnahmen reduziert und die Qualität automatisierter Entscheidungen messbar verbessert.

Damit gerät auch das Lizenz- und Preisdenken in Bewegung. Wenn Agenten keinen Seat belegen, werden outcome- und nutzungsorientierte Modelle relevanter. SAP trägt dieser Logik Rechnung, indem KI stärker an Nutzung und Mehrwert ausgerichtet wird – statt sie als pauschales „Abo pro Kopf“ zu behandeln.

Das erklärt auch die Nervosität an den Märkten: Anbieter wie SAP investieren stark in KI und Agentenfähigkeiten, während sich Pricing und Monetarisierung erst neu sortieren. Diese Übergangsphase erzeugt Unsicherheit – weniger über die Richtung, mehr über das Tempo und das Modell.

Technische Voraussetzungen: Clean Core, Datenarchitektur, Modell-Offenheit 

Für Unternehmen lautet die wichtigste Konsequenz: Nicht „KI einkaufen“, sondern Agent-Readiness herstellen. Denn Agenten entfalten ihren Nutzen nur, wenn sie auf einer stabilen Prozess- und Datenbasis arbeiten können. Konkret heißt das:

  • Ein Clean Core sorgt für stabile Schnittstellen, Updatefähigkeit und wiederholbare Prozesse – genau die Betriebsfähigkeit, die KI-Agenten brauchen, um sicher auszuführen. Wo der Kern durch Custom Code und Sonderlogik überfrachtet ist, steigen Aufwand und Fragilität: Agentische Automatisierung wird teurer, schwerer testbar und weniger zuverlässig.
  • Genauso kritisch ist Datenqualität und Semantik. Wenn Stammdaten, Hierarchien, Statuslogiken oder Dokumentenablagen inkonsistent sind, werden Ergebnisse unzuverlässig und Ausnahmen häufen sich. Die Wahrheit ist: Viele Agenten scheitern nicht an Technologie, sondern an Datenrealität.
  • Drittens braucht es Modell-Offenheit. Der Markt bewegt sich schnell. Heute wirkt Anthropic in bestimmten Agenten-Szenarien stark, morgen kann ein anderer Anbieter vorn liegen. Eine modellagnostische Architektur hält das „Gehirn“ austauschbar, während der „Körper“ – das ERP – stabil bleibt. Das reduziert Lock-in und schützt Investitionen in Integration und Governance. Genau deshalb ist „Anthropic vs. OpenAI“ aus Enterprise-Sicht weniger eine Glaubensfrage als eine Architekturfrage: Modelle müssen wechselbar bleiben, ohne dass Prozesse und Kontrollen neu gebaut werden.
  • Viertens Enablement und Change Management: Mitarbeitende müssen lernen, mit Agenten zu arbeiten, Ergebnisse zu prüfen und Ausnahmen zu steuern, statt nur Masken zu bedienen. In dieser Logik wird auch die „End-of-Software-SaaS“-Debatte greifbar: Nicht die Software verschwindet, sondern ein Teil der UI-zentrierten Nutzung wird durch Ausführung ersetzt.

Phase 2: Betrieb wird zur Strategie 

Sobald KI-Agenten nicht nur analysieren, sondern Prozesse anstoßen oder Transaktionen vorbereiten, rücken zudem Verantwortlichkeit, Risiko und Compliance ins Zentrum. Dann braucht es klare Autonomiegrenzen: Was darf ein Agent in welchem Kontext ausführen? Wie werden Ausnahmen behandelt? Auf welche Daten darf er zugreifen? Wo ist Human-in-the-loop zwingend – etwa bei Zahlungen, kritischen Buchungen oder Vertragsfreigaben? Und wie wird jeder Schritt revisionssicher protokolliert, damit Entscheidungen nachvollziehbar bleiben?

Wer hier nur Demo-Funktionalität baut, gewinnt kurzfristig Aufmerksamkeit. Nachhaltiger Nutzen entsteht dort, wo agentische Ausführung kontrolliert, auditierbar und wirtschaftlich in den Betrieb überführt wird.

Gerade bei „Computer Use“ wird damit klar: Sicherheit entsteht nicht durch ein „noch besseres Modell“, sondern durch Identitäten und Berechtigungen, Freigabegrenzen, Logging, Tests und Monitoring. Governance ist kein Projektergebnis. Governance ist Betriebsdisziplin – laufend, messbar, nachschärfbar. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen „autonom“ und „unkontrolliert“: Autonomie braucht Leitplanken, die im Betrieb wirken – nicht nur im Konzept.

Fazit: „AI eats Software“ heißt nicht „AI eats SAP“ 

Die Debatte ist wichtig, aber sie wird oft zu grob geführt. „AI eats Software“ bedeutet in der SAP-Welt vor allem: Die Interaktionsschicht wird neu verteilt. UIs, Workflows, Analytics und Add-ons verändern sich – und damit auch die Logik von Seats zu Execution. Das ERP hingegen verschwindet nicht. Im Gegenteil: Als System of Record wird SAP zur entscheidenden Grundlage, damit KI-Agenten nicht nur schnell, sondern auch kontrolliert, auditierbar und compliant arbeiten.

Wer jetzt handelt, gewinnt doppelt: produktive Automatisierung – und mehr Stabilität im Kern.