Titelbild-Mittelstand-Nachfolger-gesucht-Baby-Boss-CEO-pixabay-633014-Courtany

11.03.2019 – Lesezeit: 5 Minuten

Geschäftsbereiche / Geschäftsführung

Deutscher Mittelstand: Nachfolger dringend gesucht

Weit mehr als 200.000 mittelständische Unternehmen suchen laut KfW bis 2020 eine Nachfolge-Regelung. Die meisten haben sie praktisch schon unter Dach und Fach, aber viele stehen bei der Suche nach einem Nachfolger noch ganz am Anfang. Drei Beispiele verdeutlichen die Herausforderung.

Die eigene Firma aufbauen und später an eines der Kinder vererben, das ist der Traum vieler kleiner und mittelständischer Unternehmer (KMU). Die Nachkommen haben dann aber vielleicht andere Lebenspläne. Der Versuch, den Ältesten schulisch auszubremsen, damit er in die eigenen Fußstapfen tritt, zieht nicht mehr oder kann sich ins Negative drehen. Wohl dem, der weiß, dass Tochter oder Sohn das Ruder übernehmen werden und die nötige Qualifikation mitbringen. Das betrifft sowohl Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien als auch das Handwerk.

Delegieren will gelernt sein

Der Steinmetz Bernd Allmendinger hatte sein Handwerk von der Pike auf gelernt und auch seinen Meister gemacht, als er 2002 die Allmendinger GmbH in Ostfildern bei Stuttgart von seinem Vater Siegfried übernahm. Mit mehr als 40 Beschäftigten leitet er keinen kleinen Betrieb, aber Allmendinger Junior verstand auch, dass er modernisieren musste.

Bernd Allmendinger weiß, dass der Betrieb auch ohne ihn läuft

Und dass er anders als sein Vater lernen musste, Aufgaben abzugeben und Mitarbeiter fit für die Herausforderungen des digitalen Wandels zu machen. Mit dem Förderprogramm „Weiterbildungsfinanzierung 4.0“ fand er schließlich Unterstützung durch die L-Bank der Staatsbank für Baden-Württemberg.

Nachfolge oft nicht geregelt

So eine reibungslose Übergabe von den Eltern zu den Kindern wird immer seltener. Die Sensibilisierung für das Thema steigt aber. Wie das Anfang Februar 2019 veröffentlichte Nachfolge-Monitoring der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) zeigt, streben bis Ende 2020 rund 227.000 Inhaber die Nachfolge für ihren kleinen und mittelständischen Betrieb an.

Mehr als ein Drittel haben den Generationswechsel oder eine andere Nachfolge-Regelung schon unter Dach und Fach. Für zwei Drittel oder 141.000 KMU ist absehbar, wer die Firma nach Rückzug des Inhabers weiterführen wird. Im Vorjahr waren es nur 137.000. Die schlechte Nachricht ist, dass 36.000 Inhaber zwar bereits Informationen eingeholt, aber noch gar nichts in Richtung Nachfolge unternommen haben.

Viele denken an Stilllegung

Derweil denken 36 Prozent der Inhaber schon über eine Stilllegung ihrer Firma nach, 16 Prozent sehen darin aktuell sogar den einzigen Weg. Besonders hoch ist der Anteil im Bau, bei Kleinstunternehmen und im KMU-Handwerk mit jeweils über 40 Prozent. Eine Übergabe innerhalb der Familie ziehen nur 45 statt wie im Vorjahr 54 Prozent der Inhaber in Betracht, ein Verkauf 45 statt 42 Prozent. Der Anteil der Unternehmer, die den Betrieb an Mitarbeiter weiterzugeben gedenken, ist auf 25 Prozent leicht gestiegen. Miteigentümer werden dem neuen Panel zufolge dagegen nur noch zu 27 statt 31 Prozent in Betracht gezogen.

Beteiligungskapital kann Rettung sein

Wenn es darum geht, den Betrieb zu veräußern oder in kompetente externe Hände zu geben, gibt es Möglichkeiten: Eine ist der Verkauf an ein Konkurrenzunternehmen. Damit tun sich viele Gründer aber schwer. Eine andere ist zum Beispiel der fahrende Zimmermann, der sich nach der Lehre mit dem Meisterbrief in der Tasche eine Existenz aufbauen und einsteigen oder die Firma ganz übernehmen will, sofern die Finanzierung geregelt werden kann. Wieder eine andere Möglichkeit, die immer mehr genutzt wird, ist die Übergabe an einen Finanzinvestor oder eine Beteiligungsgesellschaft. Private-Equity- oder Venture-Capital-Gesellschaften sind zwar durch Auswüchse in der Vergangenheit etwas in Verruf geraten („Heuschrecken“-Debatte), sind aber für viele Unternehmen eine wichtige Stütze am Kapitalmarkt.

“Das Feuer weitergeben, nicht verkohlte Reste“

Christof Stölzel, der 1985 die VARIOTEC GmbH & Co. KG gegründet hat und nach einem Schicksalsschlag 2007 die Unternehmensführung an zwei Führungskräften übertragen wollte, hatte sich gegen den gefundenen Private-Equity-Partner entschieden. Denn es stellte sich heraus, dass Mitarbeiter ab 55 damit nicht mehr gefragt gewesen wären. Das Unternehmen aus Neumarkt in der Oberpfalz hat sich in den mehr als 30 Jahren einen Namen als Spezialist für Vakuumdämmplatten und Energieeffizienz in der Baubranche gemacht. Es setzt gerade auch auf die Erfahrung der älteren Mitarbeiter.

Variotec produziert unter anderem hochwertige Vakuumdämmplatten

2007 hat Stölzel die Leitung des Unternehmens an Erich Bauer-Ebenhöch und Marco Lenzer übergeben und ist 2009 als Gesellschafter und Geschäftsführer ausgestiegen. Wie er schreibt, sollte man unbedingt auch mit einem Private-Equity-Fond sprechen, weil diese Experten oft einen anderen, globaleren Blick auf das Unternehmen mitbringen. Das Wichtigste für ihn und andere Inhaber, die eine Nachfolge anstreben, ist die definitive Entscheidung sowie die „frühzeitige und realistische Zeit- und Ablaufplanung mit entsprechenden Ampeln“. Wichtig war für ihn auch, weder Mitarbeiter noch Firmenphilosophie opfern zu müssen. „Man muss das Feuer weitergeben und nicht verkohlte Reste, denn nur so gelingt auch der eigene ‚dritte‘ Lebensabschnitt“, so Stölzel.

Erfolgreiche Vermittlung durch IHK-Nachfolge-Club

Eine andere Erfolgsstory ist die von André Schulze Forsthövel, der froh war, dass er Mitglied im IHK-Nachfolge-Club ist, und ohne dessen Nachfolgeberater Michael Meese er das Brandschutz-Center Brinck gar nicht kennengelernt hätte. Er hat das Unternehmen im Januar 2017 im Alter von 37 Jahren von der Familie Brinck übernommen – und damit auch 18 Mitarbeiter. Die Voraussetzungen als Elektroinstallateur und Elektrotechniker sowie als studierter Betriebswirt mit Bachelor- und Master-Abschluss in Hamburg stimmten. Mit 25 Jahren hatte er bereits bei Michael Meese von der IHK Nord Westfalen angeklopft. Der gab ihm damals den Rat, erstmal Erfahrungen zu sammeln. Davon hatte er dann schließlich reichlich vorzuweisen. Zuletzt war er als Vertriebsleiter bei einem Maschinenbauunternehmen aus Taiwan in ganz Europa unterwegs. „Es ging mir gut“, so Forsthövel, „aber der Traum von der Selbständigkeit war geblieben“.

Brinck hat den „Nachfolge-Brand“ gelöscht, bevor es zu spät wurde

Als Hauptbrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr in Drensteinfurt zwischen Münster und Hamm hatte er es bei Meese erneut versucht, und es kam schließlich zu einem ersten Gespräch mit der Familie Brinck. Er setzte einen Business-Plan auf und verhandelte neben seiner Tätigkeit als Vertriebsleiter mit diversen Banken. Schließlich kümmerte er sich auch um den Kaufvertrag. Und dann nahm alles seinen Lauf. Sein heute ehemaliger Arbeitgeber ließ ihn sogar früher gehen. Was er gleich mit übernahm: Es geht ihm nicht nur um Umsätze, sondern auch um die Verantwortung für Mitarbeiter und deren Familien.

Fazit

Die drei hier genannten Beispiele zeigen, dass es keine Nachfolge-Regelung von der Stange gibt. Aber es finden sich auch in scheinbar aussichtslosen Situationen, in denen ein vermeintlicher Hoffnungsträger wegfällt, doch vielfach auch gangbare Lösungen. Das erfordert auf der einen Seite das Loslassen-Können und auf der anderen Seite den Mut zur Veränderung, eine Firma und die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Welche fünf Tools KMU bei der alltäglichen Arbeit helfen, lesen Sie in diesem Artikel.

Quelle: Titelbild pixabay, Courtany / Bernd Allmendinger, L-Bank / Produktion bei Variotec, Variotec / Brandschutz-Center, Brinck