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28.06.2018 – Lesezeit: 3 Minuten

Geschäftsbereiche / Marketing, Vertrieb und Service

Mittelstand hat Lücken bei der Digitalisierung – schade eigentlich

Rund 3,7 Millionen Mittelständler sind in Deutschland ansässig – und der Anteil, der in den Jahren 2014 bis 2016 erfolgreich Digitalisierungsprojekte abgeschlossen hat, ist überschaubar. Aber: Digitalisierung lohnt sich, und der Erfolg lässt sich sogar mit Zahlen belegen.

Nur rund jedes vierte mittelständische Unternehmen hat laut KfW Research in den Einsatz neuer oder verbesserter digitaler Technologien für Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen investiert. Im Jahr 2016 hat der Mittelstand insgesamt 14 Milliarden Euro für Digitalisierungsvorhaben ausgegeben. Im Vergleich zu den 169 Milliarden Neuinvestitionen in Maschinen, Gebäude oder Einrichtungen sind die mittelständischen Digitalisierungsausgaben damit vergleichsweise niedrig:  Im Durchschnitt gibt eine Firma 18.000 Euro für Digitalisierungsvorhaben aus. Dieses Geld fließt meist in die Neugestaltungen von Webseiten und Anwendungen wie Online-Bestell- und -Bezahlsysteme, Social- Media-Aktivitäten oder das Ermöglichen von Kunden-Feedback.

Laut der Untersuchung spielt die größte Rolle bei den Digitalisierungsvorhaben im Mittelstand die Erneuerung von IT-Strukturen (54 %), dicht gefolgt von der Digitalisierung des Kontakts zu Kunden und Zulieferern. Fast 40 Prozent der Unternehmen investiert in den Aufbau von spezifischem Knowhow, rund ein Drittel jeweils in die Reorganisation von Workflows oder die Einführung neuer Marketing- und Vertriebskonzepte. Mit 19 Prozent aller Vorhaben ist die Digitalisierung von Produkten oder Dienstleistungen am seltensten.

Besonders zaghaft sind kleine Unternehmen

„Die Digitalisierung steckt im deutschen Mittelstand noch immer in den Kinderschuhen“, sagt Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. „Vor allem die vielen Kleinunternehmen hierzulande scheinen noch wenig Vorstellungen davon zu haben, welchen Nutzen digitale Technologien für ihr Geschäftsmodell haben können.“ Projekte werden daher selten und sehr zaghaft angegangen.

Problematisch ist nicht nur das langsame Tempo, mit dem der Mittelstand die Digitalisierung angeht, sondern auch der enge Blick auf das Thema: „Digitalisierungsvorhaben werden häufig nur auf die Möglichkeit von Effizienzgewinnen reduziert.“ Hier ist ein Umdenken nötig: Gerade den neuen Geschäftsmodellen sowie neuen Service- und Produktangeboten kommt heute eine hohe Bedeutung für Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu.

Hemmnisse müssen abgebaut werden

Entscheidend dafür, dass die digitale Revolution im deutschen Mittelstand gelingt und neue Geschäftsmodelle entstehen können, ist vor allem ein schneller Abbau bestehender Hemmnisse. Dazu zählen:

• fehlende IT-Kompetenzen der Arbeitnehmer

• ungelöste Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes

• Probleme bei der Anpassung der Unternehmens- und Arbeitsorganisation

• mangelnde Qualität der Internetverbindung

Hoher Digitalisierungsgrad steigert Geschäftserfolg

Dass sich Digitalisierung lohnt, hat die empirische Untersuchung „Digitale Dividende im Mittelstand“ der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) und des Beratungsunternehmens Mind Digital ermittelt.  Sie belegt den wirtschaftlichen Erfolg mit konkreten Zahlen: Demnach vermelden Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad im Durchschnitt ein Gewinnwachstum von knapp 20 Prozent. Je digitaler Prozesse, Produkte und Services sind, desto besser fallen Umsatz und Gewinn aus.

Bei den sogenannten „Digital Leadern“ erkennt Bernhard Steimel, Inhaber von Mind Digital, auch einen kulturellen Wandel: „Digital Leader setzen mit digitalen Managementmethoden auf Transparenz, und sie haben bereits Kompetenzen erlangt, um neue Geschäftsmodelle zu etablieren und echte Kundenerlebnisse zu gestalten.“

Agile Projektmethoden nutzen und klare Ziele definieren ist das A und O (Quelle: iStock/ PeopleImages).

So weit sind „Digital Starter“ mit 3 Prozent Umsatzsteigerung und 1,7 Prozent Gewinnwachstum noch lange nicht. Ihre Digitalisierungsmaßnahmen sind weder in ein Zielbild noch in eine Strategie für die digitale Transformation eingebunden.

Die Gruppen zwischen Anfängern und Anführern erzielen Produktivitätsgewinne durch neue digitale Prozesse, indem sie agile Projektmethoden nutzen und klare Ziele definiert haben. Kosten- und Prozessoptimierung haben hierbei Priorität. Sie weisen Umsatzsteigerungen von durchschnittlich 8,8 Prozent und ein Ergebniswachstum von 5,8 Prozent auf.

Noch höher liegen diese Werte bei Unternehmen, die vor allem Kundennähe und Kundenerlebnisse auf der digitalen Agenda haben. Durch Online-Kundenportale, E-Services und E-Support gelingt es ihnen, Kunden enger an sich zu binden und – im Vergleich zu Offline-Vertriebswegen – mehr Neukunden zu gewinnen.

Genau hier zeige sich jedoch noch Entwicklungs-Potenzial: E-Commerce sei ebenso wie digitale Kaufberatung noch nicht die Regel im deutschen Mittelstand, und der digitale After-Sales-Support ist bei etwa der Hälfte der Befragten unzureichend. Ein Engpass-Faktor seien außerdem Digital-Experten. Erst knapp ein Drittel der Studienteilnehmer konnte digitale Expertise im Unternehmen aufbauen.

„Unternehmen müssen neue Muskeln trainieren“

Auch die Steuerungsmechanismen der Digitalisierung gelte es zum Teil noch zu verbessern. „Im übertragenen Sinne ausgedrückt heißt das, dass Unternehmen ganz neue Muskeln trainieren müssen“, sagt Prof. Dr. Kai Buehler von der Rheinischen Fachhochschule Köln. Damit meint er vor allem die Vernetzung der Digital- mit der Unternehmensstrategie und die Etablierung neuer Kennzahlen zur Erfolgsmessung.

Expertise von außen ist hilfreich

Allen Unkenrufen zum Trotz: „Die Unternehmen verstärken ihre Maßnahmen zur Digitalisierung“, konstatiert Bitkom-Präsident Achim Berg. Denn die Digitalisierung ermöglicht zwar die Optimierung von Geschäftsprozessen - doch sie erfordert auch den Umbau bestehender und den Aufbau neuer Geschäftsmodelle. Da gerade kleinere Unternehmen ein Problem damit haben, diese Erkenntnis auch in praktisches Handeln umzusetzen, kann Expertise von außen sehr hilfreich sein. Um die Digitalisierung voranzubringen, holen sich deutsche Unternehmen verstärkt Berater ins Haus. Laut Bitkom gilt dies für 43 Prozent der Mittelständler.

 

Quelle Titelbild: iStock/ BrianAJackson