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28.09.2018 – Lesezeit: 6 Minuten

Impulse / Produktion und Logistik

Blockchain in Zoll & Außenhandel

Rund um den Bitcoin-Hype Ende 2017 ist auch die zugrundeliegende Blockchain-Technologie (ausführliche Erklärung am Ende des Artikels) zum heißen Thema geworden – mittlerweile auch für Zollbehörden und Logistikunternehmen.

Der Bitcoin hat im Vorjahr alle Rekorde gebrochen. Der Kurs ist zwar wieder deutlich gefallen, hat sich aber in nur elf Monaten bis zum 17. Dezember von rund 789 auf 15.971 Euro mehr als verzwanzigfacht. Im Tageshoch waren es sogar 16.892 Euro oder 20.000 US-Dollar. Kein Wunder, dass bald alle dem neuen Gold hinterherjagten.

Die dem Bitcoin zugrundeliegende Blockchain-Technologie verhält sich wie ein für alle Teilnehmer einsehbares Kassenbuch oder Transaktionsregister und ist dabei für die unterschiedlichsten Anwendungen nutzbar. Blogger oder Fotografen, die ihre Werke im Internet veröffentlichen, hätten zum Beispiel im Falle von Urheberrechtsverletzungen sofort Tausende, wenn nicht Millionen von Zeugen, dass sie der Urheber sind und müssten nicht mehr um ihre Rechte kämpfen. Banken könnten durch die Blockchain zwar überflüssig werden, beginnen sich aber wegen der Transaktionssicherheit ebenso dafür zu interessieren wie Versicherer, Transportunternehmen - und die ersten Zollbehörden.

Blockchain im Zollwesen

Beispielsweise hat der südkoreanische Zoll (KCS) mit Samsung SDS bereits einen Testversuch für eine Blockchain-basierte Logistikplattform gestartet. Darüber hinaus hat die koreanische Zollbehörde im Mai 2018 laut wallstreet:online bekanntgegeben, zusammen mit Reedereien und Transportunternehmen wie Lotte Global Logistics eine Blockchain-Plattform zur Abwicklung des internationalen Warenhandels entwickeln zu wollen.

Das hat weltweit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Dabei haben die „Bitcoin & Blockchain Pioneers“ von BTC-Echo im November 2017 schon berichtet, dass ein Beratungsausschuss der amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde (U.S. Customs and Border Protection, CBP) sich zusammengefunden hat, um Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie auszuloten. Im Fokus standen die Zollabwicklung und die Bekämpfung des grenzüberschreitenden Drogenhandels. Knapp ein halbes Jahr früher hat die US-Behörde allerdings auch beschlossen, die Einfuhr von Kryptowährungen bei der Einreise zu kontrollieren. Das deckt sich wiederum mit Erfahrungen, die auch der KCS gemacht hat: Laut Reuters und coinwelt.de hat die Behörde im Januar 2018 illegalen Devisenhandel mittels Kryptowährungen in einem Gesamtwert von 637,5 Milliarden Won aufgedeckt.

Warum in die Ferne schweifen?

Es lohnt aber nicht nur, einen Blick über die sieben Meere zu werfen. Denn auch in Europa und Deutschland gibt es erste Versuche und erfolgreiche Pilotprojekte, um die Blockchain für Logistik und die Zollabwicklung einzusetzen.

IBM und Maersk, die weltmarktführende dänische Containerschiffsreederei, suchen laut wallstreet:online bereits nach Wegen, mittels der Blockchain-Technologie die Standzeiten von Lieferungen bei der Zollabfertigung zu verkürzen. Ein Konsortium aus Anheuser-Busch InBev, Accenture, APL (American President Lines) und Kuehne + Nagels sowie einer nicht genannten europäischen Zollbehörde hat im März 2018 bereits den erfolgreichen Test einer Blockchain-Lösung für die Containerschifffahrt bekanntgegeben. Wie Internationales Verkehrswesen in dem Zusammenhang vermeldete, sind für das internationale Verfrachten von Waren nicht selten mehr als 20 meist papierbasierte Dokumente erforderlich, 70 Prozent der Dokumente ließen sich aber auch elektronisch abbilden.

Eine im August 2017 gegründete Blockchain in Transportation Alliance (BiTA) zählte im Juni 2018 schon über 400 Mitglieder, darunter auch IT-Größen wie Google, SAP, Salesforce, HP, Microsoft und Cisco. Die deutschen Logistikriesen DHL und Schenker tauchen in der Liste jedoch (noch) nicht auf.

Blockchain im Mittelstand

Doch es geht nicht nur um die ganz Großen: So hat Logistik Heute Anfang August 2018 von „Hanseblock – Hanseatische Blockchain-Innovationen für Logistik und Supply Chain Management“ berichtet. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte Hamburger Projekt soll den fälschungssicheren Austausch von Frachtbriefen gewährleisten und richtet sich ausdrücklich an kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs).

Außerdem habe SAP zusammen mit 16 großen Lebensmittelherstellern ein Pilotprojekt gestartet, bei dem die Partner eine Blockchain as a Service (BaaS) nutzen. Die Idee ist nicht neu, BaaS habe aber den Vorteil, dass sich der Mittelstand ganz ohne Risiken dem Blockchain-Thema nähern könnte, um später bei Bedarf Funktionen zuzukaufen, so Lázló Dobos, Redakteur von Logistik Heute. SAP hat dabei früh begonnen, für verschiedene Bereiche Einsatzmöglichkeiten für die Blockchain-Technologie auszuloten. Im September 2017 haben die Walldorfer ein Leonardo Blockchain Co-Innovation Program für Kunden und Partner vorgestellt, mit dem sich All for One Steeb als führendes SAP-Systemhaus ebenfalls intensiv beschäftigt.

Jochen Pröckl, Beratungsleiter Zoll & Außenhandel bei All for One Steeb, kommentiert das Thema ‚Blockchain im Zollwesen‘ wie folgt: „Die Blockchain-Technologie ist äußerst spannend und bringt großes Anwendungspotential mit, auch im Zollwesen. In der EU gibt es jedoch, Stand heute, 28 nationale Zollbehörden mit eigenständigen IT-Systemen, die gerade an den transeuropäischen Verbund der Zollsysteme angebunden werden müssen. Da eine Nutzung der Blockchain-Technologie nur auf Gesamt-EU-Ebene Sinn machen würde, rechnen wir kurz- und mittelfristig nicht damit, dass es zu einem Einsatz kommt. Wenn es soweit ist, werden wir als Digitalisierungspartner des Mittelstands in jedem Fall dabei sein. Bis dahin setzen wir den Fokus bei neuen Technologien auf solche, die uns in unserem Tagesgeschäft unmittelbar voranbringen – wie zum Beispiel unsere neuen, schlanken Cloud Services für GTS.

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Was ist eigentlich die Blockchain?

Die Blockchain verhält sich wie ein für alle Teilnehmer einsehbares, „verteiltes Kassenbuch“ (Distributed Ledger) oder Transaktionsregister und kann chronologisch ständig durch neue Blöcke mit Datensätzen erweitert werden. Die einzelnen Blöcke sind durch den kryptographischen Hash-Wert des jeweiligen Vorgängers kryptographisch fest „verklebt“, was einen nachträglichen Manipulationsversuch ungemein erschwert oder gar unmöglich macht, wie der Bitcoin-Guru Dr. Julian Hosp es in diesem Video beschreibt. Der Hash- oder Streuwert ist eine Prüfsumme mit einer fest vorgegebenen Länge, vergleichbar mit der allerdings nur einstelligen Prüfziffer bei ISBN-Buchnummern, die sich bei ISBN-10 und der neuen ISBN-13 unterschiedlichen Algorithmen folgend berechnet.

Bei jeder kleinsten Änderung der Daten in einem Block verändert sich auch der sich daraus ergebene Hash-Wert. Der ist wie bei dem heute meist verwendeten Algorithmus SHA-256 mit 64 Hexadezimalzahlen immer gleich lang, bietet über eine Baumstruktur aber „Platz“ für ganze Gedichte, Bücher oder gar Bibliotheken, ohne später wieder auf den Inhalt zurückzuführen. Der SHA-256-Hash ist mit 64 Hexadezimalzahlen immer gleich lang und jederzeit verifizierbar - ob kein Eintrag (oben) oder Friedrich Schillers berühmte Ballade „Die Bürgschaft“ (unten) mit 141 Zeilen samt Titel in Volltext. Aus dem unteren Hashwert lässt sich umgekehrt aber nicht der Volltext der „Bürgschaft“ generieren. Der Inhalt ist also vor Unbefugten geschützt.

Hash von einem Hashgenerator

Der Hash kann als solcher in einem Block aber nicht stehen bleiben, sondern muss einem bestimmten Kriterium entsprechen, zum Beispiel mit zwei oder vier Nullen beginnen. Erst dann ist der Block signiert und erhält er Gültigkeit, wie der IoP-Experte Amon Engemann in diesem YouTube-Video sehr anschaulich erklärt. Je mehr Nullen, desto größer die „Difficulty“, den Hash durch Suchen einer „Nonce“ genannten einmaligen Zahl neu anzupassen (sprich: den Block abzuschließen). Statt sich nach dem Trial-and-Error-Prinzip selbst auf die Suche zu machen, kommt hier das extrem rechenintensive und stromfressende „Mining“ (wörtlich „Schürfen“) ins Spiel.

Dafür braucht es heute schon ganze Rechenzentren. Die „Miner“ halten damit die Blockchain am Leben und werden durch Coins oder Token entlohnt. Gleichzeitig wachen sie auch darüber, dass nachträglich kein Block in der Kette verändert wird, wie Talerbox-Chef Bastian Glasser es in diesem YouTube-Video zeigt. Ein Manipulationsversuch würde sofort auffliegen. Selbst wenn es gelänge, bei sich selbst Block für Block neu zu signieren, um eine gültige Kette herzustellen, würden die Hash-Werte von denen der anderen Teilnehmer immer noch abweichen. Die Blockchain bringt also ein hohes Maß an Sicherheit vor Manipulationen.

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