02.10.2020 – Lesezeit: 3 Minuten

Prozesse / Produktion und Logistik

3 Gründe, Lagerbestände im Herbst genauer unter die Lupe zu nehmen

Durch Bestandsoptimierung werden Umsatzverluste vermieden und die Lieferfähigkeit gesteigert. Bestandsexperte Dr. Christian Kämmerer von der All for One Group verrät im exklusiven Interview, warum ausgerechnet der eher triste Herbst ein idealer Zeitpunkt für einen Rundum-Check der Lagerbestände ist.

Dr. Christian Kämmerer ist Experte für Bestandsoptimierung bei der All for One Group

Der Herbst gilt im Markt als die richtige Zeit für Bestandsoptimierung. Warum?

Für viele Betriebe endet das Geschäftsjahr zum 31. Dezember. Manche stellen im letzten Quartal dann fest, dass die Lagerbestände oft das ganze Jahr über nicht wirklich gepasst haben. Entweder es lag zu viel herum, was nicht gebraucht wurde, oder man hatte mit Stock Outs zu kämpfen. Das bedeutet, dass Materialien überhaupt nicht in der richtigen Menge zur richtigen Zeit zur Verfügung standen – letzteres oft mit fatalen Folgen für die Kundenzufriedenheit.

Und das stellen viele Unternehmen erst im letzten Quartal fest...?

Ja, weil viele Unternehmen im Herbst sich die Zahlen für das ausgehende Jahr genauer anschauen und plötzlich feststellen: Es kommt offenbar anders als geplant. Oft entsteht dann ein hektischer Aktionismus. Die erste Frage lautet dann: Woran liegt es, dass wir im Schnitt meist zu hohe Lagerbestände an Zukaufteilen, Komponenten, Fertigteilen und ähnlichem haben?

Warum sollten sich Unternehmen jetzt noch Gedanken zum Thema machen?

Das hat damit zu tun, dass man bis Ende des Jahres noch ein paar „Quick Wins“ erreichen kann. Dies steht für kurzfristige Einsparungsmöglichkeiten durch sinnvolle Bestandsabsenkungen in ausgewählten Artikel-Clustern. Allerdings sollte man auch hier das Problem systematisch bzw. strukturiert angehen und sich beispielsweise erst wichtige Einstellungen im Materialstamm und die Verbräuche der letzten 24 oder besser 36 Monate parallel anschauen.

Was raten Sie Unternehmen, die jetzt einen zu großen Bestand haben?

Die zwei zentralen Fragen, die man sich stellen sollte, lauten: Wie häufig dreht sich das Material pro Jahr und welche Artikel haben zu hohe Bestandsreichweiten? Aus meiner Erfahrung können durch die eben angesprochenen „Quick Wins“ mind. 10 Prozent der Lagerbestände eingespart werden. Ein höherer Cash Flow in Folge des Abbaus von Working Capital tritt oft schon nach wenigen Wochen ein.

Video-Mittelstandheute-Bestandsanalyse-Bestandsoptimierung

Was sollten Unternehmen vermeiden, wenn das Lager offenbar zu hohe Bestände hat?

Man sollte nicht in blinden Aktionismus verfallen und sich für eine genauere Analyse besser etwas mehr Zeit nehmen. Welche Artikel führen zu hohen Lagerbeständen? Warum ist das so? Das hat natürlich immer auch etwas mit dem Bestellverhalten der Kunden, der Durchlaufzeit in der eigenen Fertigung sowie der Zuverlässigkeit der internen sowie externen Lieferanten zu tun.

Thema Corona: Bei vielen Firmen ist die Nachfrage eingebrochen bzw. schwer planbar und demzufolge auch die Lagerbestände. Was empfehlen Sie?

Zwingend notwendig ist hier das Clusters von Artikeln: Ich muss also wissen, welche Artikel eines Gesamtspektrums verhalten sich ähnlich oder gleich – hinsichtlich Umsatz, Lagerumschlag, Picks, Prognostizierbarkeit und so weiter. Da gibt es viele Möglichkeiten, sinnvolle Cluster zu bilden. Manche Artikel kann man um 15 Prozent reduzieren, manche um 30 Prozent oder mehr. Manche muss man sogar schnell erhöhen, weil der Kunde in Zukunft etwas anderes braucht oder Wiederbeschaffungszeiten gestiegen sind. Unser ERP-System kann schnell dabei helfen, solche Cluster mit wenig Aufwand zu bilden. Die klassische ABC/XYZ-Sichtweise greift oft nämlich viel zu kurz.

Welche drei Handlungsempfehlungen haben Sie, aus der „Vogelperspektive“ betrachtet, für Unternehmen bezogen auf das gesamte Jahr?

Erstens: Aktionismus ist meist kein guter Ratgeber und bringt, wenn überhaupt, nur kurzfristige Erfolge. Man sollte sich seine Cluster sehr genau anschauen und überlegen, ob diese sinnvoll gebildet sind und welche die bestandstechnischen „Sorgenkinder“ waren bzw. zukünftig sein könnten.

Zweitens: Ich spreche gerne vom kleinen „Putz“ im Herbst. Wenn man weiß, wo die Lagerbestände im Herbst zu groß sind, kann man bei den größten „Problemfällen“ kurzfristig für ein geringeres Bestandsniveau sorgen. Ab Januar und Februar sollte man sich richtig an die „Aufräumaktion im Keller“ machen. Ich rate auch hier zunächst immer dazu, genau zu prüfen: Welche Cluster und welche Arten von Materialien verursachen besonders hohe Bestände? Warum ist das gerade jetzt so und sind das immer die gleichen Artikel? Wenn man um die Ursachen weiß, kann man leichter gegensteuern und gut vorbereitet in den nächsten Herbst gehen.

Sonst noch ein Tipp von Ihnen zum „Lagerbestand im Herbst“?

Zuguterletzt: Viele machen den Fehler, dass sie sich zu sehr auf das eigene ERP-System oder Dispo-Tool verlassen, weil sie glauben, dass die Einstellungen beispielsweise im Materialstamm schon stimmen werden. Dabei zeigt doch die Erfahrung, dass wichtige Parameter wie Sicherheits- und Meldebestände, Losgrößen oder Wiederbeschaffungszeiten meiner Lieferanten nicht permanent gepflegt werden. Wer quasi blind und dauerhaft ausschließlich seinen Parametereinstellungen vertraut, ohne das Drumherum genau anzuschauen, bei dem sind stürmische Zeiten vorprogrammiert. Und dann kommt das böse Erwachen meist im Herbst. Ein gesunder Menschenverstand ist also unabdingbar.

Vielen Dank für das Interview!

Quelle: Titelbild iStock, yoh4nn