4. Dezember 2017 | pArtikel drucken | kKommentieren

Farming 4.0: Landwirtschaft ist Vorreiter der Digitalisierung

Die Landwirtschaft scheint immer noch eines der konservativsten Metiers zu sein. In mancher Hinsicht ist sie das auch noch. Andererseits gibt sie vielfach schon den Takt vor bei der Digitalisierung. Man spricht daher schon von Farming 4.0.

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Wenn man aufs Land fährt, sieht man sie noch vor sich, die Bauern oder ihre Kinder auf zum Teil arg verbeulten und verrosteten uralten Traktoren. Auf den Dächern der Hauptgebäude und Scheunen glitzern aber vielfach schon Solarmodule, in den Viehställen werden Kühe mit sogenannten Pedometern ausgestattet, die erkennen lassen, ob und wann die Tiere brunftig und zur Besamung bereit sind. Moderne Landmaschinen wie Mähdrescher der Firma Claas oder von Fendt sind mitunter mehr IoT als ein Mittelklassewagen, der es auf etwa 90 Sensoren bringt. Von wegen „olle Trecker“. Die Landmaschinen haben es buchstäblich vielfach in sich.

Landwirte sind digital auf dem Quivive

54 Prozent der deutschen Landwirte haben bereits in digitale Technologien investiert. (Quelle: NatureNow/iStock)

Eine Studie der Frankfurter Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschaft PwC (PricewaterhouseCoopers) von Ende 2016 sieht die Landwirtschaft in der Vorreiterrolle bei der Digitalisierung. 54 Prozent der deutschen Landwirte haben demnach bereits in digitale Technologien investiert. Vier von zehn Landwirten planten Investitionen mit einer durchschnittlichen Quote von rund zehn Prozent des Jahresumsatzes. 29 der 100 befragten Landwirte gaben zwar zu, dass bei ihnen keine Investitionen in digitale Technologien anstehen, aber dabei handelte es sich vornehmlich um kleinere Betriebe.

Allerdings nutzten 97 Prozent der im Spätsommer 2016 befragten Landwirte schon digitale Technologien. Was den Reifegrad der Digitalisierung angeht, waren in der Umfrage 60 Prozent der Betriebe noch in der Mitte, 36 Prozent Einsteiger, 20 Prozent sogenannte Leader. 17 Prozent sahen sich als Profis und nutzten Precision Farming als integrierten Bestandteil der Prozesse und IT-Infrastrukturen, 24 Prozent gelten ihrer Meinung nach zudem als Experten im Einsatz von Farm-Management-Lösungen und erproben erste Projekte mit Einsatz von Sensorik, Robotik oder Luftüberwachung per Helikopter oder Drohnen.

Farm-Management mit 365FarmNet

Die Claas KGaA mbH aus Harsewinkel bei Gütersloh ist mit 11.300 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3,63 Milliarden Euro (2016) einer der führenden Hersteller moderner Landmaschinen und war mit Gründung der gleichnamigen GmbH federführend bei der Entwicklung von 365FarmNet. Es handelt sich dabei um eine Software für das gesamte Farmmanagement und eine herstellerunabhängige Plattform, die mit Einbindung von Partner-Apps alle Funktionen der landwirtschaftlichen Betriebsführung abdeckt. Zu den Partnerunternehmen gehören Amazone, Hersteller von Düngestreuern, die Allianz, die an radarbasierten Karten zur Fernerkundung des Wachstums von Biomasse auf den Feldern arbeitet, BigDutchman für die zentrale Stammdatenhaltung in der Schweinezucht, fodjan smart feeding für die Rationsberechnung bei Milchkühen und meteoblue mit ortsgenauen Wetterprognosen für die Feldwirtschaft.

„Precision Farming“ ist laut Claas-Sprecher Wolfram Eberhardt schon seit Jahren gelebte Realität in der Landwirtschaft. Dank Satellitennavigation ließen sich „Tranktoren und Erntemaschinen bis auf 2 cm genau über Anbauflächen führen. Dünger und Pflanzenschutz werden auf Basis vorhandener Messwerte aus der letzten Ernte nur dort angebracht, wo es nötig ist“, wird Eberhardt 2015 von der Computerwoche zitiert.

 


Übrigens: Die Top 5 der Landtechnikbranche weltweit sind laut agrarheute Deere & Company (Mutter der Mannheimer Heinrich Lanz AG), CNH Industrial (Case, New Holland, Steyr, Iveco, Magirus), Kubota aus Japan (mit Kverneland und Great Plains), AGCO (mit Fendt, Valtra und Co.) und die Firma Claas, die 2003 bis 2008 sukzessive Renault Agriculture übernommen hat.


 

GPS, intelligente landwirtschaftliche Maschinen, Agrar-Apps und Online-Plattformen sind beliebte Technologien. (Quelle: valio84sl/iStock)

Zurück zur PwC-Studie: Diese nennt neben dem informationsbasierten Precision Farming (beispielsweise Wetter-Apps und Online-Plattformen für das Sammeln und Austauschen von Informationen) auch das wissensbasierte Smart Farming, etwa über vollautomatisierte Erntemaschinen sowie Bodenanalysen in Echtzeit.

Befragt, welche Technologien derzeit am meisten genutzt werden, gaben 58 Prozent der Betriebe GPS und 45 Prozent intelligente landwirtschaftliche Maschinen an. An dritter Stelle folgten mit 39 Prozent Agrar-Apps und Online-Plattformen. Auf Platz vier und fünf waren Farm-Managementsoftware und vorausschauende analytische Informationssysteme.

Fast die Hälfte der von PwC Befragten berichtete von einer Steigerung der betrieblichen Effizienz von im Schnitt elf Prozent, 48 Prozent von Einsparungen bei Düngemitteln, 42 Prozent von weniger Pestizid-Einsatz. Effizienz und Nachhaltigkeit sind überhaupt eine große Triebfeder für Investitionen in die Digitalisierung, wie die Umfrage zeigt. Als größte Hürden sehen drei Viertel der Befragten die hohen Einstiegs- und Anschaffungskosten. 54 Prozent sind sich nicht sicher, ob und in welchem Bereich die Investition sich lohnt, 44 Prozent sehen sich nicht ausreichend informiert. Den Autoren der PwC-Studie zufolge gibt es also noch Luft nach oben, was das Know-how rund um die Digitalisierung angeht. Umso erstaunlicher finden sie, dass nur gut ein Drittel der befragten Betriebe die digitalen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter ausbauen wollen. Gerd Bovensiepen, Leiter des PwC-Geschäftsbereichs Handel und Konsumgüter in Deutschland und EMEA sieht hier noch Handlungsbedarf in der Landwirtschaft.

Quelle Titelbild: valio84sl/iStock

Mittelstand.Heute Redaktion

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