27. August 2017 | pArtikel drucken | kKommentieren

Digitalisierung: Wie weit ist der Mittelstand wirklich?

Der deutsche Mittelstand hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und kommt mit der Digitalisierung voran. Lobend hat sich dahingehend Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries nach Vorlage einer Studie zum Auftakt des Digital-Gipfels im Sommer 2017 geäußert.


Dieser Beitrag richtet sich an:

✔ CEOs oder Unternehmenslenker, die erst abgeholt werden wollen oder bereits erkannt haben, dass die Digitalisierung zur Chefsache werden muss

✔ CIOs oder IT-Leiter, die die Digitalisierung auch als Chance verstehen, sich und ihrer Abteilung selbst mehr Gewicht im Unternehmen zu verleihen

✔ CFOs oder Finanzchefs, die ein Interesse an den Einsparpotenzialen durch die Digitalisierung haben


Der Mittelstand hat Nachholbedarf bei der Digitalisierung, heißt es immer wieder. Kritik kam bei Eröffnung der CeBIT 2017 etwa von Deutschlands Microsoft-Chefin Sabine Bendiek, die beim Mittelstand „so ein bisschen dieses strategische Herangehen“ und auch ein Stück Mut vermisste. Dabei berief sie sich auf eine KfW-Studie von 2016, die beim Mittelstand Nachholbedarf konstatierte.

„Die Chancen der Digitalisierung werden immer besser genutzt“ – So Zypries (Quelle: youtube.com / Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)

Anfang Juni 2017 wurde auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries noch damit zitiert, kurze Zeit später verschwand die Meldung aber aus allen Gazetten. Denn der neue „Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL – Kompakt“, den Kantar TNS zum Auftakt des ersten Digital-Gipfels – vormals Nationaler IT-Gipfel – ihres Ressorts Mitte Juni in Ludwigshafen vorstellten, befleißigte sie zu der Aussage, dass der deutsche Mittelstand „die Chancen der Digitalisierung immer besser nutzt“.

Die von ihrem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) eingerichteten Kompetenzzentren, Mittelstand 4.0, sollen die Unternehmen bei der Digitalen Transformation aktiv begleiten.

Digitalisierung muss Chefsache sein

Ergebnis der Vorjahresstudie war, dass der Mittelstand mit bis zu 249 Mitarbeitern teils noch erheblichen Nachholbedarf habe. Damals hatte Kantar-TNS-Chefin Sabine Graumann gesagt: „Die deutsche Wirtschaft besteht zu 99,5 Prozent aus kleinen und mittelständischen Unternehmen, und die dürfen auf keinen Fall den Anschluss verlieren.“ Ihre wichtigste Botschaft war aber wohl: „Mit der Digitalisierung muss sich der Geschäftsführer auseinandersetzen und nicht nur derjenige, der gerade für die IT im Unternehmen verantwortlich ist.“

„Digitalisierung lässt sich nicht an IT-Verantwortliche oder Digital Manager auslagern, sondern muss Chefsache bleiben“, meint auch Günther Althaus, Präsident des Mittelstandsverbundes ZGV. Der Mittelstand sei übrigens weiter, als viele denken, sagte er im Juni 2017 in einem Interview mit dem IT-Zoom-Magazin IT Mittelstand.

Viele mittelständische Unternehmen, die den Weg schon gegangen sind und die Chancen der Digitalisierung nutzen, haben aber auch verstanden, dass die IT-Leitung oder der CIO selbst möglichst Teil der Geschäftsführung sein muss.

Mittelstand und Kleinstunternehmen geben Gas

Gerade die Kleinstunternhemen legen bei der Digitalisierung ein hohes Tempo ein. (Quelle: svetikd/iStock)

Zurück zum Monitoring-Report für 2017.  Dieser zeigt, dass der Mittelstand bei der Digitalisierung ein höheres Tempo einlegt als die Großunternehmen. Letztere liegen allerdings mit 54 zu 52 Indexpunkten immer noch im Vorsprung und werden den Abstand bis 2022 mit 56 zu 54 Indexpunkten weiter halten.

Während viele sagen, der Digitalisierungsgrad steige mit der Unternehmensgröße, sind interessanterweise gerade die Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern auf dem Quivive.

Das ist sicherlich auch ein Indiz, dass in der einst konservativen bis rückwärtsgewandten Gruppe mit vielen Startups und Unternehmenserben ein spürbarer Generationswechsel stattgefunden hat. Sie haben seit der letzten Erhebung vor einem Jahr zwar einen Punkt verloren, werden aber bis 2022 von 54 auf 58 Indexpunkte am stärksten zulegen.

Mit einem Anstieg von 25 auf 37 Indexpunkte (gegenüber 19 auf 28 Punkte im Mittelstand) werden die Kleinstbetriebe 2022 auch weiterhin den größten Anteil hochdigitalisierter Betriebe aufweisen. Allerdings buckeln die kleinen Firmen auch nur zwölf Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Die tragendsten Säulen sind nach wie vor die Großunternehmen und der Mittelstand mit 55 respektive 33 Prozent der Umsatzanteile.

 

Der hohe Digitalisierungsgrad in Unternehmen in Deutschland wächst bis 2022 stetig an. (Quelle: Kantar TNS, „Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft 2017“, n=1021)

 

Die Branchen – von den Muffeln und Vorreitern

Über alle Unternehmensgrößen gibt es noch viele Digitalisierungsskeptiker. Am größten ist der Anteil mit jeweils etwa 50 Prozent im Gesundheitswesen, bei der Energie- und Wasserversorgung sowie in Verkehr und Logistik. Die wenigsten Muffel finden sich mit unter 20 Prozent bei wissensintensiven Dienstleistern, in der Finanz- und Versicherungs- sowie in der ITK-Branche. Maschinen- und Fahrzeugbau, Handel und sonstiges verarbeitendes Gewerbe rangieren bei den Skeptikern im Mittelfeld.

In allen Unternehmensgrößen gibt es noch viele Digitalisierungsskeptiker. Am größten ist der Anteil im Gesundheitswesen. (Quelle: Cecilie_Arcurs/iStock)

Das spiegelt sich zum Teil auch bei der der digitalen Vernetzung innerhalb und nach außen wider. Schlusslicht bilden Logistik und Verkehr, gefolgt von Gesundheitswesen, sonstigem verarbeitenden Gewerbe und Handel. Dabei zeigt der Handel aber mit den höchsten Digitalisierungsgrad. Treiber der Digitalisierung ist der Servicebereich, heißt es in dem aktuellen Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL. Am wenigsten digitalisiert sind dagegen das Gesundheitswesen, Verkehr und Logistik sowie das „sonstige“ verarbeitende Gewerbe, das erstmals „mittelmäßig“ digitalisiert ist. Dabei können gerade letztere beide Branchen von der Digitalisierung profitieren.

Was innovative Anwendungen angeht, werden die Potenziale noch relativ wenig genutzt, Industrie 4.0 zum Beispiel nur von 14 Prozent des verarbeitenden Gewerbes. Knapp zwei Drittel der Befragten sehen den Einsatz nicht relevant für ihre Einrichtungen. Am weitesten ist da der Maschinenbau: 19 Prozent haben die Vernetzung von Prozessen schon eingeführt, 21 Prozent planen dies zu tun. Künstliche Intelligenz wird abgesehen von Unternehmen der ITK-Branche (15 Prozent) so gut wie gar nicht genutzt. 79 Prozent der Befragten halten dies für ihr Unternehmen nicht relevant, weitere 15 haben sich mit dem Thema noch nicht befasst.

Big Data ist dagegen schon weiter vorgedrungen in den Unternehmen. 19 Prozent haben die Technologien schon im Einsatz, sechs Prozent planen die Einführung. 42 Prozent der Großunternehmen und gut ein Drittel der mittelständischen Betriebe haben Big-Data-Anwendungen schon implementiert.

Mit 33 und 14 Prozent am meisten genutzt und geplant ist der Einsatz von Smart Services oder „as a Service“. Am weitesten sind da kundenorientierte Branchen wie ITK-Unternehmen sowie Finanz- und Versicherungsdienstleister.

 

Am meisten digitalisiert sind IT- und Telekommunikationsunternehmen, am wenigsten das Gesundheitswesen, gefolgt von Verkehr und Logistik. (Quelle: Kantar TNS, „Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft 2017“, n=1021)

Politische Forderungen

Bei den Anforderungen an die Politik besteht große Einigkeit. 86 Prozent von 1.021 Befragten für den Monitoring-Report 2017 wünschen sich eine stärkere Förderung des Breitbandausbaus. Auf der Wunschliste ebenfalls ganz oben folgen ein digitalisierungsfreundlicher rechtlicher Rahmen und ein besserer Zugang zu öffentlichem Wissen für Innovationen. Gut zwei Drittel Prozent der Befragten fordern mehr Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote mit Blick auf die Digitalisierung, 54 Prozent die Beseitigung des Fachkräftemangels. Die Forderungen decken sich auch mit denen der meisten ITK-Unternehmen. So hat Microsoft-Chefin Bendiek in ihrer diesjährigen CeBIT-Ansprache unter anderem moniert, dass Deutschland beim Breitbandausbau und in der digitalen Verwaltung noch erheblichen Nachholbedarf habe.

Fazit: Es gibt noch viel Potenzial

Wie die BMWI-Studie und andere Marktanalysen zeigen, werden die Potenziale der Digitalisierung im Mittelstand vielfach noch nicht einmal halbwegs ausgeschöpft. Aber man sollte auch nicht päpstlicher als der Papst sein. Vor 20 Jahren haben viele Unternehmen erst zaghafte Versuche gemacht, für sich das Internet zu entdecken. Was den Datenaustausch angeht, lebten auch größere Unternehmen damals meist noch in der Welt von Fax oder maximal EDI. Seitdem hat sich viel getan. Es ist erfreulich, dass auch viele mittelständische Traditionsunternehmen auf den Digitalisierungszug aufgesprungen sind und mit innovativen neuen Geschäftsmodellen überraschen. Beispiele wie der Online-Kontaktlinsenversand Lensspirit finden sich viele in einer Mittelstand-Digital genannten anderen BMWi-Studie.

Quelle Titelbild: Vesnaandjic / iStock 

Mittelstand.Heute Redaktion

Hier schreibt Mittelstand.Heute Redaktion für Sie

Mehr Artikel vom Autor

Lesen Sie weiter auf mittelstand-heute.com

Schreiben Sie einen Kommentar

Mit einem Netzwerk anmelden, oder das Formular ausfüllen. Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige angaben sind mit * gekennzeichnet.